Wer durch den grünen Sonderzug der S-Bahn Berlin ging, war verblüfft: Lauter Menschen, die sich mit höchster Konzentration unterhielten. Überall schwirrten Fragen und Antworten durch die Wagen. Thema war nicht das Wetter und auch nicht der nächste Anschluss: Bewer­ber:in­nen versuchten, mit ihren Qualitäten als zukünftige Lokführer:innen zu überzeugen. Rund eine halbe Stunde hatten sie dafür Zeit. Ihnen gegenüber saß die „Jury“ von der S-Bahn Berlin. Eifrig notierten die Personalverantwortlichen und Fachleute die Antworten der Bewerber:innen.

Zugestiegen waren insgesamt über 130 Teilnehmende an den Stationen Olympiastadion, Charlottenburg, Ostbahnhof und Grünau. „Wie können Sie die S-Bahn für unsere Kund:innen besser machen? Wissen Sie, was Sie bei der Ausbildung erwartet? Wie gehen Sie mit stressigen Situationen um?“ Je nach Antwort gab es Punkte. Mindestens zehn davon brauchte es für eine Zusage für die Quer­ein­stei­ger:innen-Ausbildung zum/zur Lokführer:in. Wer gut vorbereitet war, hatte die Nase vorn.

 


Nach bestandenem Bewerbungsgespräch durfte Alexandra Kelm einen Blick auf ihren zukünftigen Arbeitsplatz werfen.

 

Zeit für was Neues

Mit dabei waren auch Marcus Stern­berg (55) und Alexandra Kelm (48), die eines gemeinsam haben: Jahrzehntelang waren sie in ihrem bisherigen Job tätig. Für beide ist es deshalb an der Zeit, etwas Neues zu wagen. „Meine Kinder sind groß, das ist jetzt eine gute Gelegenheit zu wechseln“, erklärt Kelm, die als Einzelhandelskauffrau arbeitet. Ihre Cousine ist als Zugbegleiterin unterwegs, bereits ihre Großmutter war Aufsicht bei der S-Bahn. „Ihre Arbeit hat mich als Kind fasziniert. Ich hatte nach der Schule eine Ausbildung bei der Bahn aber nicht auf dem Zettel“, erklärt sie.

Vor ihrem Bewerbungsgespräch hat sich Alexandra Kelm bereits genau informiert, was sie erwartet: Nur elf Monate dauert die Quer­ein­steiger:in­nen-Ausbildung. „Da heißt es lernen, lernen, lernen. Aber dazu bin ich bereit, wenn ich in so kurzer Zeit meinen Abschluss in der Tasche habe.“ Sie weiß auch, dass für eine Lokführerin keine Woche wie die andere aussieht, mal ist Frühschicht ab halb vier morgens angesagt, mal Spät- oder auch Nachtschicht.

„Ich bin aber jeden Tag wieder zu Hause. Eine Arbeit im Fernverkehr, bei der man auch mal länger weg ist, kommt für mich nicht infrage.“ Ihr Mitbewerber Sternberg ist Medieninformatiker und Projekt­manager. Er hat genug vom Sitzen im Büro und will einen neuen Job, bevor sich für ihn „irgendwann die Sinnfrage stellt“, wie er sagt. „Am S-Bahnfahren mag ich, dass es sich jedes Mal ein bisschen anfühlt als würde es auf eine Reise gehen.“ Wollte der Berliner schon als Kind Lokführer werden? „Nein“, lacht er. „Eigentlich war Förster mein Berufswunsch.“

Bei ihrem Speed Dating in der S-Bahn haben beide überzeugt und sofort eine Zusage in der Tasche. Zur Erinnerung an ihr erfolgreiches „Date“ macht Ausbildungslokführer Philip-Lars Orgs noch ein Polaroid-Foto von ihnen. Natürlich stilecht mit Lokführer-Mütze auf dem Kopf und Signalkelle in der Hand! „Das ist für Ihren Führerschein“, scherzt er. „Ich freue mich sehr, auch von meiner Seite passt es“, ist Kelm begeistert. „Ich informiere mich noch über andere Berufe und entscheide dann“, meint Sternberg. Bevor es mit der Ausbildung losgehen kann, müssen die Bewer­ber:innen in jedem Fall noch Eignungs­tests (medizinisch und psychologisch) absolvieren.

 


Wie ein Profi! Marcus Sternberg machte sich schon mal gut mit Schirmmütze und Signalkelle.

 

Ins Werk Schöneweide

Und nicht nur künftige Lok­füh­rer:­innen hatten im Bewerbungszug die Gelegenheit, sich über eine Karriere bei der S-Bahn Berlin zu informieren. Auch Kunden­be­treu­er:in­nen sowie Instand­­hal­­ter:in­­­nen wurden gesucht. Interessenten für einen Job in der Instand­haltung konnten direkt mit dem Sonderzug in das Werk Schöneweide fahren und gemeinsam mit Torsten Rudloff einen Blick in das Werk werfen. „Wir suchen keine reinen Quer­ein­steiger:innen, sondern zukünftige Kolleg:innen, die sich bereits im handwerklichen Bereich qualifiziert haben“, sagt der Fertigungsleiter.

Solche wie zum Beispiel Roger Anger. Der 43-Jährige ist erfahrener Kfz-Meister und will sich neu orientieren. „Mein Sohn hat vor Kurzem seine Ausbildung als Instandhalter bei der S-Bahn abgeschlossen und gemeint ’Papa, bewirb Dich doch bei uns‘. Deshalb bin ich heute bei der Führung durch das Werk dabei.“

In der Halle finden die großen Hauptuntersuchungen der Berliner S-Bahn-Züge statt. Hunderte verschiedene Komponenten werden hier gefertigt und aufgearbeitet, beispielsweise Radsätze, Fahrmotoren, Dreh­gestelle oder Elektronikbauteile. Im Werk werden zudem Fahrzeuge mit Unfallschäden instandgesetzt – oder Züge komplett neu lackiert. Für die Arbeit braucht es viele verschiedene Spezialist:innen. Rudloff: „Wenn wir mit unseren Bewerber:innen sprechen, wollen wir zusammen herausfinden, was für eine Arbeit zu ihnen passt. Soll es eher in Richtung Mechanik oder Elektronik gehen? Hat er oder sie eher Lust auf filigrane, feinmotorische Arbeiten – oder machen Aufgaben Spaß, bei denen es auch mal richtig Kraft braucht?“

Bei seiner Führung durch das Werk zeigt der Fertigungsleiter den Teilnehmern verschiedene Arbeitsstationen. Besonders spannend: der Blick in das Innere eines komplett entkernten Wagens der Baureihe 481, die im Werk derzeit eine Frischekur bekommt. „Allein für die Montage der neuen Inneneinrichtung gibt es ein Regelwerk mit über 200 Seiten, das ist auch eine Frage der Sicherheit“, erklärt Rudloff.

Und zum Schluss will er wissen: „Könnt ihr euch vorstellen, bei uns anzufangen?“ „Auf jeden Fall!“, sind sich seine Besucher einig. „Handwerk ist schließlich Handwerk, auch wenn das hier natürlich eine ganz andere Größenordnung ist als in einer Autowerkstatt“, meint Kfz-Meister Anger. |  Kristin Lübcke

 


Fertigungsleiter Rudloff erklärte, wie die Züge an verschiedenen Stationen fit für die Weiterfahrt gemacht werden.

 

Sie interessieren sich für eine Karriere bei der S-Bahn Berlin? Weitere Informationen gibt es unter sbahn.berlin/das-unternehmen/als-arbeitgeber

 

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