Projekt Langlebigkeit
Verjüngungskur mit Facelift S-Bahnzüge

Es ist 10 Uhr in Halle an der Saale. In der Werkhalle der Maschinenbau und Service GmbH Ammendorf (MSG) sprühen die glühenden Funken weit, wenn der große Trennschleifer sich in den Stahlträger hineinfräst. Der stechende Geruch der Schleifarbeiten hängt wabernd in der Luft der Werkhalle. Heiße Goldspritzer regnen links und rechts an der S-Bahn hinunter. Ähnlich einer Operation an einem Menschen, der ein neues Hüftgelenk erhält, werden die metallenen Langträgerteile an einem S-Bahnwagen ausgetauscht – und zwar in der „Spezialklinik“ in Halle.

In diesem Jahr steht die Sanierung der Baureihe 481 bei der S-Bahn Berlin im Mittelpunkt. Nach rund zwei Jahrzehnten im Dauereinsatz kommen bei einigen der 500 Viertelzüge die ersten Alterserscheinungen zum Vorschein. Im Projekt „Langlebigkeit“ wird die Baureihe nun für rund weitere zehn Jahre fit gemacht. Die zwischen 1997 und 2004 gebauten S-Bahnen sind in die Jahre gekommen und erhalten eine Verjüngungskur.

Allein 2020 sollen rund 90 Fahrzeuge runderneuert aus dem Werk Schöneweide rollen. Doch bei einigen Fahrzeugen steht neben der Runderneuerung außerdem noch eine Spezialsanierung an, denn sie haben in den vergangenen Jahrzehnten Rost angesetzt. „1,5 Millionen Fahrgäste nutzen pro Tag die S-Bahn“, erklärt Peter Buchner, Vorsitzender der S-Bahn-Geschäftsführung. „Sie alle bringen Feuchtigkeit mit hinein, wenn sie durch die Türen in den Innenraum treten. Und wenn diese dann durch den Fußboden dringt, fangen die Längsträger – das sind die Fundamente der Wagenkästen – an zu rosten.“ Diese Korrosionsstellen seien bei den meisten Fahrzeugen sehr klein. Dann genüge eine einfache Behandlung von außen durch einen Korrosionsschutzauftrag. Die stärker von Korrosion betroffenen Fahrzeuge müssen zur „großen OP samt Protheseneinsatz“ ins Werk nach Halle.

„Wir verfügen über umfangreiche Erfahrungen mit den Fahrzeugen der BR 481 und kennen sie in- und auswendig, erklärt Thomas Tautz, Prokurist bei der 200 Mitarbeiter starken MSG. „Schließlich erfolgte hier am Standort die Entwicklung sowie der Neubau von 934 Wagenkästen. Ich selbst habe den Wagenkasten vor Jahren mitkonstruieren dürfen – und nun ist er wieder bei uns“, fügt er hinzu.


Foto: Christiane Flechtner

 

Operation am ersten Problemwagen

Der erste Problemwagen ist bereits Ende vergangenen Jahres per Lkw- Schwerlasttransport in Halle eingetroffen. Es handelt sich dabei lediglich um den leeren Wagenkasten, denn die Demontage aller Inneneinrichtungsund Unterflurteile erfolgte bereits bei der S-Bahn Berlin im Werk Schöneweide. Auf dem Kranfeld 2 ist der Wagenkasten nun in eine Spezialvorrichtung gespannt, damit er sich nicht verzieht, denn das Heraustrennen des Längsträgers ist ein großer Eingriff in die Fahrzeugstruktur. Angrenzende Stahl-Bauteile wie Seitenwände, Türportale und Hauptquerträger werden abgetrennt, anschließend das von Korrosion betroffene Langträger-Stück mit einem großen Trennschleifer herausgeschnitten und im Anschluss daran ein neues Stück an die Stelle eingeschweißt.

In Halle ist der 19 Meter lange, drei Meter breite und 3,20 Meter hohe Wagenkasten nun auf rund 1,65 Meter angehoben, sodass Schweißer Volker Strauß und seine Kollegen bequem auch von unten „an den Patienten“ herankommen. Ausgestattet mit Schutzmaske, Handschuhen und Trennschleifer, fräsen die MSG-Mitarbeiter den rostigen Längsträger auf einer Länge von rund zwei Metern in mühsamer Arbeit heraus – eine schweißtreibende Angelegenheit. Schleifer Uwe Thiede markiert die Stellen am Längsträger, um das Ersatzteil dann millimetergenau einzupassen. Ist dies geschehen, wird der Wagenkasten vermessen, gegebenenfalls gerichtet, ausgespannt und lackiert.

 

Guter Zustand trotz des Alters

„Wir schätzen, dass sich die Mehrzahl der Fahrzeuge trotz ihres Alters in einem guten Zustand befinden und nur geringe Korrosionsschäden aufweisen“, erklärt S-Bahn- Projektleiter Maik Nachtigall. Nur bei einer geringeren Anzahl müssten umfangreichere Maßnahmen vorgenommen werden. „Ich gehe davon aus, dass dies jedes zwanzigste Fahrzeug der insgesamt 500 Doppelwagen betrifft.“

Den kompletten Umbau von vorerst309 Viertelzügen ermöglichen die Länder Berlin und Brandenburg mit einem Investitionsvolumen von 155 Millionen Euro. Um neben den besonderen Arbeiten in Halle im Berliner Werk Schöneweide die umfangreichen Sanierungsarbeiten durchzuführen, wurden für die Ausrüstung der Schleif- und Klebehalle im Vorfeld zwei Millionen Euro investiert. 360 Handwerker im Werk Schöneweide werden bis 2023 ein Drittel ihrer Arbeitszeit ausschließlich diesem Projekt „Langlebigkeit“ widmen.

 

Facelift für alle 481er

Ein Facelift der besonderen Art erhalten alle Fahrzeuge der Baureihe 481, die zwischen 1997 und 2004 gebaut wurden. Dann werden sie der neuen Baureihe 483/484, die am 1. Januar 2021 in Betrieb geht, mit ihren blauen Sitzen und ihrer besonderen Farblackierung zum Verwechseln ähnlichsehen. „Damit wir die ganze Flotte zeitgemäß umbauen können, müssten wir alle 2,5 Tage ein Fahrzeug fertigstellen. Davon sind wir jedoch zurzeit noch weit entfernt“, erklärt S-Bahnchef Peter Buchner. „Allerdings sind zwei sanierte Fahrzeuge der Baureihe 481 bereits im S-Bahnnetz unterwegs, und es werden nun im Januar und Februar weitere Fahrzeuge in den Fahrgastbetrieb gehen. In intensiver Arbeit befinden sich derzeit 19 Fahrzeuge zur umfangreichen Sanierung in Schöneweide. Wir schauen also sehr positiv in die Zukunft“, erklärt er anschließend.


Foto: Christiane Flechtner