Im Rahmen von „100 Jahre Berlin“ kommen im Märkischen Museum in Berlin-Mitte seit dem 26. August das frühe und das aktuelle Groß-Berlin auf ungewöhnliche und innovative Weise zusammen.

Herr Schaulinski, Sie sind Kurator der Ausstellung „Chaos & Aufbruch“ im Märkischen Museum. Damit ist aber nicht Corona gemeint, oder?

Gernot Schaulinski: Nein, obwohl der Titel ziemlich gut auf die derzeitige Situation passt. Wir schaffen anlässlich von „100 Jahre Berlin“ einen Zugang zu der historischen und aktuellen Situation in Groß-Berlin. Dabei ist uns wichtig, dass das Stadtmuseum zu einem Ort der Auseinandersetzung wird, in dem man – abseits der hitzigen Debatten – Input und einfach auch Lust bekommt, sich mit dem Thema Groß-Berlin zu beschäftigen.

Wie machen Sie denn den Besuchern Lust auf das Thema Berlin?

Gernot Schaulinski: Indem wir auf zwei Stockwerken nicht nur Anregungen senden, sondern auch solche empfangen. In sechs Themenkomplexen wird im unteren Stockwerk die historische Ausgangslage um 1920 dargestellt. Wir befassen uns unter anderem mit dem Thema „Stadtgebiet und Grenzland“, „Wohnsituation und Baustelle“ oder „Fahrspur und Fortbewegung“. Diese insgesamt sechs Themenpaare werden im zweiten Geschoss wieder aufgegriffen. Aber diesmal unter dem Motto: „Impuls Berlin 2020“. Dort haben wir unter anderem Künstler, Studenten und Journalisten dazu geholt, ein partizipativer Ansatz ist hier Schwerpunkt.

Können Sie ein konkretes Beispiel für dieses Konzept nennen?

Gernot Schaulinski: Beim Thema „Grünräume und Freiflächen“ zeigen wir im historischen Teil auf, wie wichtig es für die Berliner war, dass beispielsweise Parks und Strandbäder entstanden. Die Stadtbewohner lebten auf sehr beengtem Raum, es gab die typischen Berliner Hinterhöfe, aber ansonsten nicht viel Auslauf. Als Impuls fragen wir uns heute: Wie können wir diese Grünflächen erhalten im Zeitalter von Klimawandel und Verkehrswende.


Foto: Judith Kuhn

Ich stelle mir jetzt sehr viele Karten, Dokumentenauszüge und Modelle vor. Wie findet man Exponate, die etwas Lebendigkeit vermitteln bei einem Thema, dass größtenteils auf dem Reißbrett entstand?

Gernot Schaulinski: Da haben wir uns viel einfallen lassen! Beispielsweise gibt es zum Thema Verkehr im oberen Geschoss ein Bild- und Filmprojekt der Künstlerin Natascha Küderli, die in ihren Arbeiten nach dem Rhythmus und der Faszination von Verkehr und Bewegung in der Großstadt fragt.

Ihr Highlight?
Gernot Schaulinski: Da tue ich mich natürlich schwer, weil ich die Ausstellung als Gesamterlebnis empfehlen möchte. Besonders stolz sind wir aber auf eine Filmaufnahme von Ernst Reuter, der Ende der Zwanziger Jahre zusammen mit anderen Stadträten in die USA gereist ist, um sich Input und Anreize aus den modernen Weltstädten New York und Chicago zu holen. Der später weltbekannte Regierende Bürgermeister Berlins filmt die „Roaring Twenties“ in Amerika. Die Epoche der „Wilden Zwanziger“ war ja in der gesamten westlichen Kultur mit Aufbruchstimmung und gleichzeitigem Chaos verbunden. Wir zeigen dieses Material zum ersten Mal!

Interview: Cosima Grohmann

 

Die Ausstellung Chaos & Aufbruch umfasst sechs Themenkomplexe zum Berliner Leben 1920-2020

Willy Dzubas „S-Bahnhof Gesundbrunnen während des Baus der U-Bahnlinie D“, Berlin, 1929, Radierung auf Karton, 54,50 cm x 69,00 cm, © Stadtmuseum Berlin. Der aufwendige Ausbau des S- und U-Bahnhofes Gesundbrunnen wurde als Zeichnung dokumentiert. Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin

 

Ausstellung zu 100 Jahre Berlin
„Chaos & Aufbruch“ 26.8.2020 - 30.5.2021
Märkisches Museum Berlin Am Köllnischen Park 5
Di - Fr 12 - 18 Uhr, Sa+So 10 - 18 Uhr
Eintritt: 7 €, erm. 4 € (inkl. Audioguide), bis 18 Jahre Eintritt frei
Es gilt in allen Ausstellungsräumen Maskenpflicht.
Anfahrt: U-Bf Märkisches Museum , BUS 147

 

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