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Neuer Tarif für künftige Veränderungen
Deutschlandtarif will ÖPNV-Markt vereinfachen

Mit Beginn des neuen Jahres wurde deutschlandweit der neue Deutschlandtarif eingeführt. Er löst den Nahverkehrstarif der Deutschen Bahn ab – greift also immer dann, wenn man in Nahverkehrszügen und über Verbundgrenzen hinaus unterwegs ist. Hinter dem Deutschlandtarif stehen 62 Aufgabenträger und Eisenbahnverkehrsunternehmen als Gesellschafter der Deutschlandtarifverbund-GmbH. Mit deren Geschäftsführer Johann von Aweyden hat punkt 3 gesprochen.

 

Herr von Aweyden, was verbirgt sich hinter dem seit 1. Januar 2022 gültigen Deutschlandtarif?

Johann von Aweyden: In Deutschland gibt es über 60 Tarif- und Verkehrsverbünde sowie einige Landestarife. Je nachdem, von wo nach wo der:die Kund:in fährt, gelten unterschiedliche Tarife. Allerdings sind die Verbund- und Landestarife nicht flächendeckend. Überall dort, wo kein Landes- oder Verbundtarif zur Anwendung kommt, gilt für Fahrten mit der Eisenbahn ab sofort der Deutschlandtarif.

 

Was will die hinter diesem Tarif stehende Deutschlandtarifverbund-GmbH konkret erreichen?

Johann von Aweyden: Den Tarifdschungel lichten, einheitliche Konditionen schaffen, mehr Mitspracherecht für alle Eisenbahnverkehrsunternehmen, Transparenz bei der Willensbildung, mehrheitliche Entscheidungsfindung – die Liste ist lang.

 

Warum war dafür überhaupt die Gründung der Deutschlandtarifverbund-GmbH notwendig?

Johann von Aweyden: Die notwendige Verkehrswende ist eine Herausforderung für die gesamte Branche. Was wir brauchen, ist ein gemeinsamer Fahrplan für alle Akteure im ÖPNV, Stichwort: über 60 Verkehrsverbünde. Die wichtigsten Player im Schienenpersonennahverkehr sitzen im Deutschlandtarifverbund an einem Tisch – ein wirkliches Kompetenznetzwerk, das integrieren und vernetzen möchte. Das erste Ergebnis liegt nun allen vor: der Deutschlandtarif. Als nächstes gilt es, im Gesellschafterkreis zu entscheiden, welche Ziele man zukünftig angehen will.

 

Was bedeutet das alles für den Fahrgast?

Johann von Aweyden: Der Fahrgast bekommt erst mal relativ wenig von uns mit – außer, dass er natürlich hört: Es gibt da einen neuen Tarif, den Deutschlandtarif. Der weckt viele Erwartungen, aber ist nur der Aufschlag für ein längerfristiges Projekt, bis es direkt zum Fahrgast kommt. Mit dem Deutschlandtarif wurde sozusagen das Fundament für künftige Veränderungen gelegt.

 

Aber Ihr Ziel ist es schon, die Tarifstruktur für den Fahrgast langfristig zu vereinfachen?

Johann von Aweyden: Wenn Sie mich persönlich fragen, wäre das sicherlich ein gutes Ziel. Aber das muss ich meine Gesellschafter fragen, ob die das auch wollen. Die Fahrgäste beschweren sich meiner Meinung nach zu Recht über Mängel in unseren Tarifsystemen.

 

Wir haben hier ja den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der für beide Bundesländer greift.

Johann von Aweyden: Und wenn jemand aus Berlin-Brandenburg rausfährt, nach Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel, dann sind wir am Start. Immer, wenn es in Deutschland keinen Verbund gibt, sind wir da.

 

Wie viele solcher Verbundlücken gibt es denn momentan noch?

Johann von Aweyden: Wir als Deutschlandtarifverbund bilden ungefähr zehn Prozent des Marktes ab. Zum Vergleich: Der VBB ist ungefähr so groß wie wir. Einer der größten Verbünde in Deutschland. Sie merken schon: Das ist extremes Flickwerk.

 

Danke für diese ersten Einblicke, Herr von Aweyden. Gerne nehmen wir noch einmal Kontakt mit Ihnen auf, wenn die ersten Ziele für den Deustchlandtarifverbund definiert sind und wir wissen, wohin die Reise geht. Gern sind die Verkehrsunternehmen hier in unserer Region dann der Wegbereiter für Neues und stehen für Piloten zur Verfügung.

Johann von Aweyden: Wunderbar, das halten wir so fest.


Die erste DTVG-Gesellschafterversammlung in Frankfurt am Main. Foto: DTVG

 

Das steckt hinter dem Deutschlandtarif

  • Auch mit Einführung des Deutschlandtarifs (D-Tarif) gilt, Kunden brauchen für ihre Fahrt mit der Eisenbahn in Deutschland nur ein Ticket. Es spielt keine Rolle, ob es dabei um Tickets für den Nahverkehr oder durchgehende Fahrscheine in Kombination mit dem Fernverkehr geht.
  • Keine Änderung des heutigen Angebotsportfolios: Flexpreis (zukünftig „Normalpreis“), Zeitkarten, überregionale und regionale Aktionsangebote sowie Angebote für besondere Personengruppen werden in den Deutschland-
    tarif überführt.
  • Keine Änderung des Geltungsbereichs hinsichtlich bestehender Verkehrsverbünde oder Landestarife. Der Deutschlandtarif gilt nicht auf Binnenrelationen innerhalb von Verkehrsverbünden oder Landestarifen.
  • Im Deutschlandtarif ist zu (fast) allen Angeboten die kostenfreie Mitnahme von bis zu drei Kindern möglich. Es müssen keine Familienkinder sein. Dies gilt unabhängig vom Fahrkartenaufdruck.
  • Die 2020 gegründete Deutschlandtarifverbund-GmbH besteht aus 62 Gesellschaftern – darunter auch DB Regio Nordost und S-Bahn Berlin.
  • Weitere Infos sind unter deutschlandtarifverbund.de nachzulesen. Auf der Internetseite finden sich auch hilfreiche Erklärvideos.