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Lesen und lesen lassen in der Stadt

Im ersten Teil unserer Serie zu den faszinierendsten Orten zum Lesen, Forschen und Verweilen ging es mit der Staatsbibliothek Unter den Linden um eine Präsenzbibliothek, die derzeit noch auf ihr Forscherpublikum warten muss. Heute besucht punkt 3 eine Einrichtung, die sich ungleich volksnaher zeigt, wurde sie doch in den 1950er-Jahren nach dem Vorbild einer US-amerikanischen „Public Library“ erbaut. Es geht auf Stippvisite zur sogenannten AGB.

Wer bei dem Kürzel AGB einzig und allein an die sogenannten Allgemeinen Geschäftsbedingungen denkt, hatte bisher eindeutig zu wenig zu tun mit dem weiten Kosmos Berliner Ausleihkultur. Der belesene Berliner Volksmund hingegen versteht darunter etwas völlig anderes: nämlich die Amerika-Gedenkbibliothek zu Kreuzberg.


Foto: ZLB/Vincent Mosch

„AGB“ – Amerika-Gedenkbibliothek

  • Konzipiert von US-amerikanischen und deutschen Architekten
  • 1954 als Symbol für Bildungs- und Meinungsfreiheit eröffnet
  • Seit 1995 Bestandteil der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB)
  • Aktueller Bestand: über 800.000 Medieneinheiten
  • Jährliche Besucher:innen: über 1,1 Millionen 2005 - 2019

 

Einen Steinwurf vom Hallischen Tor entfernt, liegt dieser auf den ersten Blick etwas nüchtern wirkende Funktionsbau der 1950er-Jahre und strahlt auf den zweiten doch seine ganz besondere Aura aus. Kein Wunder, war er doch ein Geschenk der US-Amerikaner anlässlich der erfolgreich überstandenen Blockade West-Berlins. Den kriegsgebeutelten und Demokratie lernenden Deutschen wurde im Rahmen des Marshallplans eine Stätte der Bildung und Begegnung spendiert.

Bis zum heutigen Tag freuen sich die Berlinerinnen und Berliner über diese generöse Geste. Über 1,1 Millionen Interessierte nehmen das vielfältige Angebot dieser durch und durch bürgernahen Bibliothek, die seit 1995 Teil der Zentral- und Landesbibliothek ist, jährlich in Anspruch. Punkt 3 widmet sich den Highlights, die derzeit auch unter Pandemiebedingungen möglich sind:

 

Die Cinemathek

Allen Cineasten, Serienfans und Dokufreaks bietet die Cinemathek einen der größten, allgemein zugänglichen Film- und Serienbestände Deutschlands. Wer also nationale und internationale Produktionen abseits des Streaming-Mainstreams kennenlernen und konsumieren will, ist hier genau richtig. Die Titel können auf DVD oder auch BluRay ausgeliehen werden. Vorausgesetzt, es finden sich noch funktionsbereite Abspielgeräte.

 

Die Streamingangebote

Den Nutzer:innen, die nicht mehr ganz so „oldschool“ unterwegs sind, bietet die AGB drei fabelhafte und kostenlose Streamingangebote. Benötigt wird (neben dem obligatorischen digitalen Endgerät) lediglich ein gültiger Bibliotheksausweis und – gegebenenfalls – Getränke und Popcorn: Ein besonderer Leckerbissen für Freunde gehobener klassischer Musikunterhaltung wartet hinter dem Online-Portal Medici-TV. Hier können Master Classes, Dokumentationen, Konzerte und Aufführungen verfolgt werden, die man zu Pandemiezeiten höchstens aus der Ferne betrachten kann. Mit der AVA Library bekommen die Bibliotheksnutzer:innen obendrein die Möglichkeit, Kurz-, Dokumentar- oder Spielfilme europäischer Festivals anzuschauen, die mitunter nirgendwo sonst verfügbar sind. Ein liebevoll kuratiertes und wechselndes Sortiment an internationalem Arthouse-Kino wartet dort auf geneigtes Publikum. Wer dort nichts nach seinem Geschmack findet, kann auf die große Auswahl an Filmen, Serien und Dokumentationen zurückgreifen, die im Portal filmfriend gebündelt und über das Digitalangebot der Bibliothek abrufbar sind.

 

Die Kinder- & Jugendbibliothek

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Bibliothek ist ihr digitales Angebot für Kinder und Jugendliche auf dem hauseigenen YouTube-Kanal. Hier wird eifrig gebastelt und vorgelesen. Die Veranstaltungsreihe „Wortschätze“ ist dort ebenso zu finden wie die Vorlesereihe „Berliner Autor:innen zu Gast“ und „Lesezeichen – Vorlesen in Gebärdensprache“. Letzteres wohl einmalig in der deutschen Bibliothekslandschaft. Alles zu finden unter youtube.com/user/KiJuBiZLB.

Die Artothek

Das Uralt-Prinzip des gegenseitigen Verleihens – heute gern mal als „Innovation“ (siehe Carsharing) gepriesen – ist für eine Bibliothek wie die AGB nun wirklich ein alter Hut. Wirklich innovative Wege geht die Bibliothek dagegen mit ihrem Konzept der Artothek. Hier werden Original-Kunstwerke außer Haus verliehen. Ein Take-Away-Service auf Zeit sozusagen. Aus rund 1.900 Werken können maximal zehn Grafiken, zehn Ölbilder, fünf Plastiken und fünf Fotografien mitgenommen – und bitte nach drei Monaten (ja, Verlängerungen sind möglich) vollständig und unversehrt zurückgegeben werden. Wer sich also immer schon mal einen original Offset-Druck des letztjährig verstorbenen Christo (1) , einen original Farbsiebdruck von Norbert Bisky (2) oder eine original Lithografie von Jörg Immendorf (3) an die Wand hängen (nicht nageln!) wollte, jetzt wäre die Gelegenheit dazu!

 

Adresse: Am Blücherplatz 1, 10961 Berlin. Bitte stets die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen beachten und den ÖPNV möglichst nicht zu den Hauptverkehrszeiten nutzen.