Tagesspiegel-Redakteurin Ann-Kathrin Hipp (28) hatte ihre ersten Berührungspunkte mit der Ringbahn Ende 2012. Frisch eingeschrieben im Studium der Politikwissenschaft und beheimatet in Rheinland-Pfalz, landete sie des Öfteren mit dem Fernbus am ICC-Messegelände und anschließend in der Ringbahn. Seitdem setzt sie sich immer wieder gerne in die S41 oder S42, um das Panoptikum Berlin zu umkreisen.

Früher oft mit Handy, Buch und Kopfhörern, heute auch gerne mal ganz ohne Ablenkung. Oder eben mit einem Gast, den sie dort interviewt. Wie in ihrem Podcast „Eine Runde Berlin“, den sie für den berühmt-berüchtigten „Checkpoint“ (Newsletter des Tagesspiegels) entwickelte. Das Motto: 27 Stationen, 60 Minuten, 1 Gast – Erlaubt ist alles, außer Schwarzfahren. Punkt 3 lud sie ein zum Rollentausch und traf sie am Bahnhof Schöneberg, wo sie uns verriet, warum sie hier früher immer Herzklopfen bekam, weshalb man einen Podcast besser auf dem Ring und nicht in der M10 macht und welche Begegnung sie in der Ringbahn besonders berührte.

 


Heute mal nicht Interviewerin, sondern Interviewte: Ann-Kathrin Hipp (links) mit punkt 3-Redakteur Lionel Kreglinger. Foto: André Groth

 

Frau Hipp, Sie haben den S-Bahnhof Schöneberg als Treffpunkt gewählt. Warum?

Ann-Kathrin Hipp: Meine erste Berliner Wohnung war in Zehlendorf, weil ich dachte, cool, nah dran an der Uni. Was ich natürlich nicht wusste, war, dass sich das komplette Leben eben nicht in Zehlendorf abspielt und man stundenlang in die Stadt reingurken musste. Also nahm ich immer die S1 bis nach Schöneberg und von dort aus die Ringbahn, die ich mich in das Berlin brachte, das ich mir so unter Berlin vorgestellt hatte. Schöneberg war damals mein Tor in die hippen Innenstadtbezirke.

 

Ihr Podcast spielt nun wieder in der Ringbahn. Erklären Sie uns, wie man darauf kommt.

Ann-Kathrin Hipp: Ich bin Journalistin geworden, weil ich neugierig bin und weil ich gerne andere Menschen und neue Situationen kennenlerne, von denen ich erzählen kann. Die Interviewsituation in der Ringbahn ist da eine ziemlich perfekte Mischung. Alles geschieht in Echtzeit, nichts wird geschnitten und man hat keine Kontrolle darüber, was um einen herum passiert. Die Idee hinter dem Podcast war, etwas zu kreieren, was es so vorher noch nicht gab. Wir wollten die Nähe zur Stadtgesellschaft und zu Berlin suchen und da kamen recht schnell die „Öffis“ ins Spiel. In der M10 hätte ich einen Feier-Podcast machen können und im M29 vielleicht einen Podcast über Verspätungen und Zeitmanagement, aber die Ringbahn erzählt eben die Geschichte von ganz Berlin. Außerdem ist sie ja auch eine Art Berliner Wahrzeichen und Mikrokosmos.

 

Was genau meinen Sie damit?

Ann-Kathrin Hipp: Die Ringbahn verbindet einfach alles. Nicht nur die verschiedenen Stadteile, auch die Menschen. Draußen rauscht das gesamte Berlin-Panorama vorbei – Hinterhöfe, Fabrikbauten, Tempelhofer Feld und Spree. Drinnen versammeln sich Schlips- wie Jogginghosenträger:innen, die wahlweise auf ihr Smartphone starren oder fluchen, knutschen, arbeiten, feiern, manchmal auch einschlafen. Die Ringbahn steht in gewisser Weise für die Vielfalt, die diese Stadt ausmacht. Das, was sich dort abspielt, erlebt man in keinem Touribus, der nur die schönen Ecken der Stadt abfährt. Außerdem sind mir Hunde einfach sympathisch.

 

Was bitte hat die Ringbahn mit Hunden zu tun?

Ann-Kathrin Hipp: Kennen Sie die alte S-Bahnkarte, die die Strecke so nachzeichnet, wie sie tatsächlich verläuft? Eindeutig ein Hundekopf.

 

Außer für Hundefreunde, für wen machen Sie „Eine Runde Berlin“?

Ann-Kathrin Hipp: Ein Hörer schrieb mir mal, er lebe schon länger nicht mehr in Berlin, aber wenn er den Podcast höre und die dazugehörige Geräuschkulisse, dann habe er immer für einen kleinen Moment das Gefühl, wieder da zu sein. Dieses Gefühl von Vertrautheit ist doch wunderbar. Man krabbelt den Leuten gewissermaßen ins Ohr und ist ganz nah dran. Im Prinzip machen wir den Podcast (und auch den Newsletter) für alle Berlinerinnen und Berliner. Und eben für alle, die eine Verbindung zu dieser besonderen Stadt haben und halten wollen.

 

Zu Gast bei Ihnen waren beispielsweise schon eine Cheftresenfrau und ein Strafverteidiger, der BER-Chef und ein Obdachloser, Berlins ältester Hipster und eine Digitalpfarrerin. Was muss man haben, um von Ihnen eingeladen zu werden?

Ann-Kathrin Hipp: Erstes Kriterium: man muss in Berlin leben. Ansonsten muss mich die Geschichte hinter der Person interessieren. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, ob jemand besonders berühmt oder bekannt ist. Wichtig ist, dass er oder sie etwas Spannendes zu erzählen hat. Und das haben die allermeisten Menschen. Manchmal muss man nur etwas tiefer wühlen.

 

Woran denken Sie, wenn ich Sie nach den Highlights von „Eine Runde Berlin“ frage?

Ann-Kathrin Hipp: Zum Beispiel an die Folge mit Ingo Bauer. Er lebte bis zu dessen Räumung im Obdachlosencamp in der Rummelsburger Bucht und erzählte mir seine Lebensgeschichte. Die bemerkenswerte Offenheit und Ehrlichkeit, die mir da entgegenschlug, war sehr berührend. Zufällig begegnete uns dabei ein junger Verkäufer einer Obdachlosenzeitung und die beiden kamen ins Gespräch, was völlig ungeplant einen total kostbaren Moment zwischen zwei Menschen ähnlichen Schicksals kreierte.

 

Wessen Schicksal und Lebensgeschichte würde Sie darüber hinaus interessieren, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Ann-Kathrin Hipp: Angela Merkel fände ich auf jeden Fall spannend. Aber nicht heute als Bundeskanzlerin, sondern in fünf Jahren als Privatperson. Wenn sie völlig frei erzählen kann, wie ihre Zeit als mächtigste Frau der Welt damals eigentlich so war. Vielleicht ist aber auch der interessanteste Gast gar nicht der, der schon so präsent war, sondern eher einer, von dem die Welt bis jetzt noch gar nicht gehört hat.

 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an zukünftige Folgen denken?

Ann-Kathrin Hipp: Tatsächlich auf die Sonderrunden zur diesjährigen Abgeordnetenhauswahl, die wir mit den Spitzenkandidat:innen der Parteien drehen werden. Eine Stunde, ungeschönt und ungeschnitten! Ich bin extrem gespannt darauf, wie sich die Politiker:innen schlagen werden, denn im Gegensatz zur gängigen Praxis schriftlicher Interviews, können sie hier im Nachgang nicht nochmal den Rotstift ansetzen. Was so gesagt wird, wird auch so gesendet.

 

Frau Hipp, vielen Dank und weiterhin viele kostbare Momente in der Ringbahn. | lk

 

„Checkpoint“ AKH

Ann-Kathrin Hipp und ihre Newsletter-Kolleg:innen vom „Checkpoint“ werden nicht müde, allmorgendlich Salz in die Wunden des politischen und sozio-kulturellen Berlins zu streuen. Seit 2019 ist sie dort Verantwortliche Redakteurin. Im März 2020 startete sie den monatlich erscheinenden Podcast „Eine Runde Berlin“. Ihr bevorzugtes Verkehrsmittel neben ihrem Fahrrad (und natürlich der S-Bahn!) sind ihre Rollschuhe, mit denen sie am liebsten auf dem Tempelhofer Feld ihre weiten Bahnen zieht. Ihr Tipp zum Einstieg: Folge 1 mit Jens Bisky, weil der so eine wunderbar anschauliche und lebendige Art hat, Berlin und seinen historischen Abriss zu erklären. Außerdem steht die Folge exemplarisch dafür, warum man einen Podcast hören sollte, der sich speziell auf Berlin fokussiert und in der Ringbahn spielt.

 

Die Pandemie macht auch vor „Eine Runde Berlin“ nicht halt. Deswegen wurden ein paar Ausgaben nicht im laufenden Betrieb, sondern stationär (und vor dem Video einer Führerstandsmitfahrt) aufgezeichnet. Die Folgen, die nun wieder in der Ringbahn spielen, finden zu fahrgastarmen Zeiten und natürlich unter Einhaltung der geltenden Hygieneregeln statt. „Eine Runde Berlin“ ist zu finden bei den gängigen Streamingdiensten und unter: tagesspiegel.de/themen/podcast-eine-runde-berlin

 

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