Es ist eisig kalt, minus 10 Grad, und der Boden ist glatt und vereist in der „Kammer der Extreme“: Derzeit ist eine S-Bahn der neuen Baureihe 484 im weltweit längsten Klima-Wind-Kanal des Rail Tec Arsenal (RTA) in Wien unterschiedlichsten Wetterphänomenen ausgesetzt und muss umfangreichen Prüfungen bei Eis, Schnee, Sturm und Hitze standhalten. Dieses zwölfwöchige Testprogramm ist wichtig – schließlich soll die „Neue“ ab 2021 in Berlin und Brandenburg bei jedem Wetter reibungslos funktionieren – ganz egal ob es gerade klirrend kalt oder brütend heiß ist. Für ihre Anreise auf der Schiene – gezogen von einer Lok – benötigte die neue S-Bahn drei Tage. Nun wird sie ganze zwölf Wochen in der österreichischen Hauptstadt zwar nicht auf Herz und Nieren, aber auf Hitze und Kälte geprüft. Quasi auf Knopfdruck gehen die Temperaturen dabei einerseits in schwindelerregende Höhen bis +45 Grad samt extremer Sonneneinstrahlung und andererseits tief hinunter auf bis zu eisige -25 Grad samt Eis und Schneesturm.

Erste Tests gut gemeistert

Die vierwöchige Vorbereitungsphase in der 65 Millionen Euro teuren Anlage in Wien, in deren zwei Klima-Wind-Kanälen seit 1961 neben Schienenfahrzeugen auch Lastwagen, Autos und kleine Flugzeuge umfangreichen Tests unterzogen werden, ist für die neue S-Bahn bereits abgeschlossen. „Hierbei ging es um die Einstellung der korrekten Luftmengen der Klimaanlage sowie die Ausstattung des Fahrzeugs mit der erforderlichen Messtechnik“, erklärt Martin Hoffmann, Projektleiter des Herstellerkonsortiums und von der Stadler Pankow GmbH. „Und nun sind wir bereits mitten in der Testphase, in der vor allem die kritischen Fahrzeugkomponenten unter extremen klimatischen Bedingungen getestet werden.“ Funktioniert der Stromabnehmer auch bei starkem Schneefall und Vereisung? Lassen sich die Türen bei Eisregen einwandfrei öffnen und fährt die Spaltminderung im Bodenbereich trotz Schnee problemlos ein und aus? Funktionieren die Scheibenwischer bei Sturm und Graupel? Die ersten dieser Extrem-Tests hat die „Neue“ bereits gut gemeistert.

Erstmals erhält eine S-Bahn für Berlin eine Klimaanlage. Umso wichtiger, dass sie auch bei über 40 Grad „nicht schlapp macht“. „Es liegen vier Jahre Arbeit hinter uns und es war eine wirkliche Herausforderung, die neue Baureihe mit einer Klimaanlage auszustatten“, erinnert sich Steffen Obst, als Leiter Vertrieb Vollbahnen bei Stadler Pankow unter anderem für die S-Bahnen zuständig. „Wir mussten beim Einbau der Komponenten und der Steuerung der kalten Luft sehr kreativ sein, denn die S-Bahn ist in Berlin unter anderem von der Höhe begrenzt, da sie durch vergleichsweise niedrige Tunnel und Unterführungen fährt“, erklärt er. Im Regelfall werden die Komponenten der Klimaanlagen bei Regionalzügen auf dem Dach verbaut. In Berlin ist das aufgrund der oftmals niedrigen Durchfahrtshöhe eben nicht möglich. Auch mussten bei Vertragsabschluss für den Bau der neuen S-Bahnen viele Kriterien seitens der Deutschen Bahn, aber auch von Berlin und Brandenburg erfüllt werden. „Das war nicht einfach, aber wir haben eine optimale Lösung gefunden.“

Da die Klimaanlage ein Novum in den S-Bahnzügen ist, liegt ein Schwerpunkt des Testprogramms auch in der Prüfung in ihrer Funktion bei höchsten Anforderungen. Dazu gehört natürlich auch der Test bezüglich extremer Wetterlagen – und hier ist besondere Sensibilität gefordert. „Wir haben es bei der S-Bahn mit einer schwierigen Situation zu tun, erklärt der Technische Direktor des Rail Tec Arsenal Wien , Gabriel Haller. Anders als Fernzüge habe die S-Bahn viele Türen, die sich nach kurzer Fahrtzeit alle paar Minuten öffnen. „Das ist eine große Herausforderung für uns, die Klimaanlage optimal zu nutzen“, sagt Steffen Obst.

Zieht es auch nicht im Fahrgastbereich?

Hunderte von Kabeln liegen kreuz und quer im Fahrgastraum, graue Heizkörper auf dem Fußboden und rote Heizmatten auf den Sitzen. Dazwischen 50 runde Wasserverdampfer, und wo später einmal die Fahrgäste stehen und gehen, baumelt an langen Kabeln silberne Technik von der Decke herunter. „Um die Situation im Fahrgastbereich bei jedem Wetter nachzustellen, sind zwei Wagen des Fahrzeugs mit Temperaturfühlern und weiteren Sensoren ausgestattet“, erklärt Gerald Winzer, Leiter Kleine-, Mittlere- und Gewährleistungsprojekte bei der Siemens Mobility GmbH. „Die roten Heizmatten imitieren mit Temperaturen von 40 Grad dabei die Wärme, die die sitzenden Fahrgäste abgeben, die kleinen grauen Heizungen im Raum die stehenden“, sagt er und fügt hinzu: „Die Luftbefeuchter simulieren die Feuchtigkeit, die ein Mensch durch Schwitzen und Atemluft abgibt.“ Mit all diesen Komponenten und insgesamt 350 verkabelten Luftsensoren werden realistische Voraussetzungen geschaffen, um zu testen, wie die Klimaanlage mit heißen Temperaturen von bis zu 45 Grad klarkommt. Schließlich seien die letzten beiden extrem heißen Sommer nur der Vorgeschmack auf das, was der Klimawandel in den nächsten Jahren mit sich bringt.

Die Strömungsgeschwindigkeit der Luft, die aus der Klimaanlage kommt, wird ebenfalls untersucht – schließlich soll für die Fahrgäste im Zug die Zugluft vermieden werden. Diese Prüfungen gelten im Übrigen nicht nur für den Fahrgastraum, sondern natürlich auch für den Führerstand, in dem der Triebfahrzeugführer tagtäglich tätig ist. „Für die Mitarbeiter der S-Bahn Berlin sollen bestmögliche Arbeitsbedingungen geschaffen werden“, sagt Winzer. Der Energieverbrauch wird bei den Tests ebenfalls unter die Lupe genommen: Vor allem an heißen Tagen hat die Klimaanlage einen enormen Energieverbrauch, der bis zu 30 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs ausmacht“, sagt Gabriel Haller. Hier könne man durch eine optimierte Einstellung Energie einsparen und somit auch die Kosten reduzieren.

Das Ziel: stabiler Betrieb und hoher Komfort

Nach dem vierwöchigen Klimacheck geht es dann an die einmonatige Auswertung der Prüfergebnisse. „Die Ergebnisse sämtlicher Prüfungen werden dann umfangreich ausgewertet, und sollte es noch Optimierungsbedarf geben, können wir im Anschluss an die zwölfwöchige Klima-Testphase in Wien entsprechende Maßnahmen ergreifen“, sagt Steffen Obst. Allein die Kosten für den Klimakanal belaufen sich auf rund 30.000 Euro pro Tag – doch sie sind die Voraussetzung für einen stabilen Betrieb und besten Fahrgastkomfort. Und dann steht dem Start der neuen S-Bahn am 1. Januar 2021 nichts mehr im Weg …

Christiane Flechtner

image_printdrucken