Es ist eisig kalt an diesem Abend und der Wind treibt die Kälte in jeden noch so kleinen Winkel. Wer jetzt noch kein Dach über dem Kopf hat und draußen schlafen muss, ist in Lebensgefahr. Es ist 17.30 Uhr, als die Schicht für Andreas Splawski und Jan Ole Gravert beginnt. Eigentlich studiert Gravert Soziale Arbeit, aber der 22-Jährige hilft gern – vor allem Menschen in Not. Auch Splawski, Betriebsratsvorsitzender bei der S-Bahn Berlin, hilft seit Jahren ehren­amtlich bei der Berliner Stadtmission. Heute fahren sie gemeinsam einen der drei Kältebusse durch die dunkle Stadt.

„Die Kältebusse der Berliner Stadtmission bringen obdachlose Menschen, die das wollen, in Notübernachtungen, damit sie geschützt im Warmen übernachten können und nicht erfrieren“, erklärt Barbara Breuer, Presse­sprecherin der Berliner Stadtmission. Und so suchen die Kältebusteams jeweils vom 1. November eines jeden Jahres bis 31. März nach Obdachlosen, die aus eigener Kraft keine Notübernachtung aufsuchen können.


Foto: Christiane Flechtner

Das Kältebusteam wird jede Nacht zu obdachlosen Menschen gerufen. Die Kältebus-Mitarbeiter:innen versuchen zunächst, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bieten ihre Hilfe, eine Tasse heißen Tee oder einen warmen Schlafsack an. Auf Wunsch der Obdachlosen fährt der Kältebus sie dann zu einem sicheren Übernachtungsplatz. Insgesamt bieten die drei Notübernachtungen der Stadt­mission jede Nacht 298 Menschen einen sicheren und warmen Schlafplatz.

 

Viele Einsätze in der Nacht

Der S-Bahner und der Student machen sich auf den Weg. „Heute ist die Not bei minus 10 Grad besonders groß – und die Zahl der Obdachlosen in Berlin hoch. Da ist unsere Arbeit dringend nötig“, weiß Splawski. Doch ihre erste Aufgabe an diesem Abend ist die Auslieferung von Essen an zwei Notunterkünfte, denn die Obdach­losen erhalten nicht nur eine warme Übernachtung, Sozialberatung, medizinische Versorgung und die Möglichkeit, sich zu duschen, sondern am Abend auch eine warme Mahlzeit und am Morgen ein Frühstück.

Die Fahrt geht weiter. „Wir werden nun die Aufträge abarbeiten, die heute Abend reinkommen“, sagt Splawski. Aufträge – das sind Meldungen zu hilflosen Obdachlosen, die meist von Passant:innen oder Anwohner:innen kommen. „Es gibt viele Menschen, die nicht wegschauen, sondern die Nummer des Kältebusses wählen und unserem Mitarbeiter:innen im Callcenter der Stadtmission die Situation schildern“, erklärt der Student. Diese Meldungen erscheinen dann als Aufträge auf dem Tablet-PC im Fahrzeug.


Bei Minustemperaturen ist es wichtig, Obdachlose anzusprechen und Hilfe anzubieten. Foto: Christiane Flechtner

 

Feierabend um 2 Uhr

Erst schauen sie nach einem Obdach­losen, der schutzlos an der Chausseestraße in der Kälte liegt. Doch er will keine Hilfe und auch nicht in eine Notübernachtung. „Das müssen wir akzeptieren, werden aber später noch einmal nach ihm sehen“, sagt Splawski. Dann holen sie einen Mann aus einem Krankenhaus ab und fahren ihn in eine Notübernachtung. Sie versorgen einen Obdachlosen in Charlottenburg mit einem Schlafsack und einem heißem Tee und bringen anschließend eine Frau in ein geschütztes Quartier. Es ist fast Mitternacht, als sie zum Leopoldplatz fahren. Auch dort können sie einem Frierenden mit Tee, Handschuhen, Isomatte und Schlafsack helfen. Kurz vor 2 Uhr beendet das Team seinen Hilfsdienst. „Wir haben heute die Welt ein wenig besser gemacht und mög­licherweise sogar Leben gerettet“, sagt Splawski. | Christiane Flechtner


Andreas Splawski bereitet Tee für einen Mann am Leopoldplatz. Foto: Christiane Flechtner

 

Jeder kann helfen

Ein Anruf kann Leben retten. Der Kältebus ist täglich zwischen 20 Uhr und 2 Uhr unter Tel. 030 690 333 690 erreichbar. Obdachlose Menschen bitte vorher immer erst ansprechen und fragen, ob der Kältebus kommen soll.

Kleiderspenden können in der Lehrter Straße 68, 10557 Berlin ab­ge­geben werden (Montag bis Freitag 8 bis 18 Uhr). Es werden auch immer ehrenamtliche Helfer gesucht.

Weitere Infos unter berliner-stadtmission.de/kaeltehilfe

 

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