Die Berliner waren schon immer streng mit ihrer Regierung, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen). Im Interview spricht sie über die Stadt als Entwicklungsmotor für Start-ups und den Neustart der Clubkultur. Frau Pop, 1929 stolperte der Oberbürgermeister Gustav Böß nach zehn erfolgreichen Jahren im Amt über einen Pelzmantel, den seine Frau bei einem Unternehmen gekauft hatte, das in einen Finanzskandal verwickelt war. Er trat zurück.

 

Wie streng sind die Berliner heute mit ihrer Regierung?
Ramona Pop: Die Berlinerinnen und Berliner sollen streng mit ihrer Regierung umgehen. Wir sind für eine gerechtere, eine ökologischere und sozialere Richtung gewählt und wollen daran gemessen werden. Auch wenn es immer noch gelegentlich hakt, stimmt die Richtung. Die Berlinerinnen und Berliner merken, dass wir anpacken, was zu lange liegen geblieben ist. Egal ob Straßen oder Brücken, öffentlicher Nahverkehr, unsere Schulen, die Verwaltung, Vision Zero oder die Energiewende und der Klimaschutz – wir investieren und es kommt den Berlinerinnen und Berlinern zugute. Und Pelz trage ich grundsätzlich keinen.

 

Was sagen Sie als Wirtschaftssenatorin jungen Absolventen und Azubis im Jahr 2020 zum Thema Jobs in Berlin?
Ramona Pop: Berlin hat in den letzten Jahren eine herausragende Entwicklung gemacht: Die Stadt zählt mittlerweile zu den attraktivsten Standorten für Fachkräfte der Digitalwirtschaft in Europa. Mehr als 70.000 Menschen arbeiten heute bereits in der Berliner Digitalwirtschaft, bis 2030 könnte sich diese Zahl sogar verdreifachen. Die Unternehmen wissen, dass sie hier in Berlin qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insbesondere für die digitale Arbeitswelt finden. Und sie wissen auch, dass hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Mangelware sind. Das heißt, dass immer mehr Unternehmen bei ihren Standortentscheidungen den benötigten Fachkräften folgen – und nicht umgekehrt. Unternehmen, auch die der Industrie, suchen also wieder die Nähe zu Städten, um für qualifiziertes Personal attraktiv zu sein. Das sind beste Voraussetzungen für unsere Absolventen und Azubis.

 

Sie haben maßgeblich an dem Corona-Hilfsfond für 200.000 Unternehmer und Selbstständige in Berlin mitgewirkt, trotzdem demonstriert die Club- und Veranstaltungsbranche regelmäßig gegen die strengen Auflagen für ihre Branche. Was wird aus dem wichtigen Kulturstandort Berlin in Zeiten der Pandemie?
Ramona Pop: Der Bund und die Länder unterstützen mit Milliardenbeträgen im Rahmen von Hilfsprogrammen, damit die Wirtschaft möglichst unbeschädigt durch die Krise kommt. Es stehen diverse Programme für Soforthilfen, Überbrückungshilfen, Liquiditätskrediten, wie auch dem Ermöglichen von Gastronomie und Veranstaltungen unter den Bedingungen einer Pandemie bereit. Die Veranstaltungs- und Kongresswirtschaft ist durch die Corona-Krise stark gebeutelt, sie ist jedoch auch einer der schnellsten und wirksamsten Hebel für Berlin, die Konjunktur nach einem Ende der Pandemie wieder anzukurbeln. Um den Restart der so wichtigen Branche aktiv zu unterstützen, haben wir daher unter anderem einen Kongressfonds aufgelegt.

 

Das heutige Berlin wird oft als das Silicon Valley Europas bezeichnet, wie relevant sind Start-ups und Gründer für den Wirtschaftsstandort und welche Start-ups siedeln sich in Berlin an?
Ramona Pop: Ganz klar, Berliner Start-ups sind mit rund 80.000 Arbeitsplätzen ein wichtiger Jobmotor in der Hauptstadt. Durch den kontinuierlichen Austausch mit den wichtigsten Akteuren der Start-up-Szene, aber auch aufgrund unserer sehr zielgerichtet ausgestalteten Förder- und Unterstützungsmaßnahmen hat sich in den letzten Jahren ein dynamisches Ökosystem entwickelt, das auch weiterhin wichtiger Impulsgeber für Innovationen in Berlin sein wird. Unser Job als Regierung ist es, dass das so bleibt und der Job der Gründer ist es, aus Unternehmen in Gründung irgendwann dauerhafte Arbeitgeber zu machen.

 

Mit Blick in die Zukunft: Muss Berlin im Zuge von Corona nun doch wieder mehr der klassischen Gewerke ins Boot holen? Zur Gründung Groß-Berlins waren es Traditionsunternehmen wie Borsig, Siemens und AEG, die die Stadt als Wirtschaftsstandort in 1920ern stark gemacht haben.
Ramona Pop: Siemens begann seine Weltkarriere siebzig Jahre früher in einer 300 Quadratmeter großen Werkstatt in der Schöneberger Straße. Heute ist Berlin wieder Hauptstadt der Innovation. Die Lektionen des Virus sind: Krisenresillienz und Digitalisierung voranbringen und die Dekarbonisierung der Industrie zur Bekämpfung der Klimakrise rechtzeitig angehen. Die Mischung aus Kreativität und Wissenschaft, aus Ausbildung und Forschung und Unternehmen, die das hier produzierte Wissen für neue Produkte und Geschäftsmodelle nutzen, macht Berlin zur Innovationsstadt.

Interview: Cosima Grohmann

 

Derzeit setzen auch DB Regio und die S-Bahn Berlin auf kreative Kooperationen mit Start-ups, um die tägliche Fahrt für alle Reisenden so komfortabel wie möglich zu gestalten – und und weitere Fahrgäste dazu zu gewinnen. In einem Wettbewerb, der im August diesen Jahres stattfand, haben sich für die DB mindbox geeignete Start-up-Unternehmen beworben, die in einem drei-monatigen Programm dazu beitragen wollen, den Zugverkehr von morgen zu gestalten.

Weitere Infos: dbmindbox.com/de

 

Vor 100 Jahren wurde Berlin zu einer Einheitsgemeinde, mit den Bezirken, die wir heute kennen. Das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ wurde am 1. Oktober 1920 verabschiedet und machte die Hauptstadt auf einen Schlag zur drittgrößten Stadt der Welt. Ausstellungen und Events zu diesem Thema sind über ganz Berlin verteilt und dauern teilweise bis 2021 an.

 

 

100 Jahre Groß-Berlin

Diese Ausstellungen beleuchten die historische Entwicklung in den einzelnen Bezirken seit deren Zusammenschluss

 

bis 30. Mai 2021
„Chaos & Aufbruch. Berlin 1920 / 2020“
Sechs Themenkomplexe beleuchten das Berliner Leben von 1920 bis 2020 –darunter „Stadtgebiet und Grenzland“ oder „Wohnsituation und Baustelle“.
Märkisches Museum Berlin | Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
stadtmuseum.de/maerkisches-museum
U-Bf Märkisches Museum

 

bis 14. März 2021
„Wege aus der Wohnungsnot – Bauen für Groß-Berlin in Tempelhof und Schöneberg“
Die Ausstellungsreihe beleuchtet in zwei Teilen, wie die beiden neuen Berliner Bezirke Tempelhof und Schöneberg die Wohnungsnot zur Zeit der Weimarer
Republik bekämpften.
Schöneberg Museum | Hauptstraße 40/42, 10827 Berlin
museen-tempelhof-schoeneberg.de
S-Bf Schöneberg

 

bis 4. Oktober 2020
„Kiezgeschichten – 100 Jahre Friedrichshain und Kreuzberg“
Erst 1920 entstehen die beiden Bezirke. Wofür stehen die verschiedenen Stadträume? Wer lebte und wirkte hier? Was verbinden die Menschen mit ihrem Kiez?
FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum | Adalbertstraße 95A, 10999 Berlin
fhxb-museum.de
U-Bf Kottbusser Tor

 

bis 18. Oktober 2020
„Mitten in Reinickendorf. 100 Jahre (Groß-)Berlin“
Ausgehend von sechs ganz unterschiedlichen Zentren werden in der Ausstellung die Entwicklung Reinickendorfs, von den dörflichen Strukturen zu urbanen
Lebensräumen, dargestellt.
Museum Reinickendorf | Alt-Hermsdorf 35, 13467 Berlin
museum-reinickendorf.de
S-Bf Hermsdorf

 

bis 16. April 2021
„StadtRandLage. Ein Marzahn-Hellersdorfer ABC“
Ausgehend vom Verlauf der Eingemeindung wird die wechselvolle Beziehungsgeschichte zwischen Marzahn-Hellersdorf und Berlin an historischen und aktuellen
Beispielen umrissen.
Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf | Alt-Marzahn 51, 12685 Berlin
kultur-marzahn-hellersdorf.de
Tram-Station Alt-Marzahn Tram , 18

 

bis 4. Januar 2021
„Gezeichnete Stadt – Arbeiten auf Papier 1945 bis heute“
Die Ausstellung zeigt Arbeiten der im doppelten Sinne gezeichneten Stadt Berlin: die Trümmer des Krieges, urbane Biotope der 1970er bis 1990er Jahre diesseits und jenseits der Mauer sowie Topografien in der zeitgenössischen Kunst.
Berlinische Galerie | Alte Jakobstraße 124 – 128, 10969 Berlin
berlinischegalerie.de
U-Bf Kochstraße/Checkpoint Charlie

 

In allen Museen und Ausstellungsräumen gelten die Corona-Hygienemaßnahmen.

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