Technik | 2013/21 - 07. November, S. 4


Mit der Kraft von 200 Hausstaubsaugern


Ein Spezialzug reinigt nachts die Bahnsteiggleise der S-Bahn Berlin


S-Bahnhof Erkner kurz nach Mitternacht. Stille  hat sich über den schicken, neu gestalteten Bahnsteig gelegt. Einige wenige Fahrgäste steigen aus und verlassen sehr zielstrebig den Bahnhof.

An der gegenüberliegenden Bahnsteigkante steht ein ungewöhnlicher S-Bahnzug – zwei Wagen ohne Fenster. Kenner identifizieren ihn als eine Mutation der alten S-Bahn-Bauart 476, der Schriftzug H.F. WIEBE kennzeichnet ihn als das Spezialfahrzeug URG, was  „Universalreinigungsmaschine für Gleisoberflächen“ bedeutet.

Spezialzug
Drei Mann, eine Maschine und der Müll im Bahnsteiggleis
Foto: Hahm

Plötzlich kommt Leben in den Zug und er setzt sich mit 4 km/h in Bewegung. Wie ein riesiger Staubsauger verschlingt die Maschine Meter um Meter den Schmutz des Tagesgeschehens auf S-Bahn-Gleisen: Zigarettenstummel, Zweige, Blätter, Papier-taschentücher, Getränkedosen, Verpackungen, aber auch den Bremssand.

Den Schotter lässt er liegen. Das haben ihm die Ingenieure der Firma WIEBE eingetrichtert, die den Zug 1997 speziell für die Bedürfnisse der Berliner S-Bahn konstruiert haben. Nur ganz selten poltert ein Stein durch die großen Ansaugröhren in den zweiten Wagen, wo ihn der überdimensionale Abfallbehälter verschluckt, zusammen mit drei Tonnen Müll in jeder Nacht.  

Spezialzug
Sechs Tonnen fasst dieser riesige „Mülleimer“
Fotos: Hahm

Von Frühling bis Herbst säubern der URG und seine Mannschaft – ein Team von drei Mitarbeitern – die Bahnsteiggleise der 166 S-Bahnhöfe. Intensiv genutzte Bahnsteige wie jene der Stadtbahn oder des Rings sind öfter dran, weniger frequentierte seltener. 

Gereinigt wird ausschließlich in den nächtlichen Betriebspausen  der S-Bahn zwischen 1 und 4 Uhr, damit das Putzen den normalen Verkehr nicht behindert. Sechs bis acht Bahnsteiggleise sind in dieser Zeit zu schaffen.

Gesteuert wird der Saubermann URG in dieser Nacht von Maschinist Patrik Schneider, Triebfahrzeugführer Jan Härle und Mitarbeiter Michael Klinner. Jan Härle fährt den Zug zwischen den Bahnhöfen. „Das mach ich gern. Es ist mal ein etwas anderer Dienst. Außerdem behalte ich so die Fahrgenehmigung für die alte Bauart 476.“ Michael Klinner läuft neben dem Zugkopf her und treibt mit einer speziellen Düse den Schmutz aus der hintersten Kante unter dem Bahnsteig in Richtung Saugeinrichtung.

Universalreinigungsmaschine
Ein „Nachtschwärmer“ – die Universalreinigungsmaschine der Firma Wiebe

Patrik Schneider hat ein fast schon persönliches Verhältnis zum URG. „Immerhin fahre ich ihn schon seit 2006 und das jede Nacht. Ich bin zuständig für die Bedienung, die Wartung und – in Absprache mit dem Reinigungsmanagement der S-Bahn – für die Fahrstrecke.“

Gelernt hat Patrik Schneider seinen Beruf Maschinist bei der Firma Wiebe, einem traditionsreichen, vielseitigen und weltweit agierenden Gleisbauunternehmen, welches der S-Bahn Berlin den Zug samt Maschinisten als Dienstleistung zur Verfügung stellt. Dass jetzt der URG sein ständiger und einziger Arbeitsplatz ist, stört Patrik Schneider keineswegs. „Im Gegenteil – ich bin in Berlin zu Hause und ich bin auch ein bisschen stolz darauf, diese einzigartige Maschine zu bedienen

Jetzt nachdem der letzte Zug in Richtung Ostkreuz raus ist, reinigen wir das zweite Bahnsteiggleis und dann geht es zum S-Bahnhof Wilhelmshagen.“ – Mit der Putzkraft von etwa 200 Hausstaubsaugern.                           

E.H.