Technik | 2012/14 - 26. Juli, S. 4


Frischzellenkur für Doppelstockzug


In Wittenberge werden RE-Wagen für das „Netz Stadtbahn“ umgebaut


Als im Juli 2009 das Ergebnis der Ausschreibung „Netz Stadtbahn“ verkündet wurde, war in Berlin/Brandenburg das bisher größte Wettbewerbsverfahren für den Betrieb von Nahverkehrsstrecken erfolgreich über die öffentliche Bühne gegangen.

RE-Wagen
Fotos: David Ulrich

16 Regional-Express- und Regionalbahnstrecken waren in vier Losen vergeben worden. Ausgeschrieben waren ca. 22 Millionen Zugkilometer mit einem Auftragsvolumen von insgesamt 1,3 Milliarden Euro über zehn Jahre, die von den Ländern Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bestellt worden waren.

Die DB Regio AG  erhielt damals den Zuschlag für den Betrieb der Linien RE 1, RE 7, RE 11, RB 13, RB 14, RB 20, RB 21, RB 22, RB 23, RB 24  sowie des neuen Flughafenexpress‘ RE 9.

Steuerwagen
Rollout eines runderneuerten Steuerwagens
Foto: David Ulrich
 

Während die Regionalbahn-Linien bereits seit Dezember 2011 von DB Regio betrieben werden – außer RB 24 Berlin-Lichtenberg – Eberswalde, die im Dezember 2014 startet – fahren die Züge der RE-Linien ab Dezember 2012 nach den Bedingungen der Ausschreibung. Und diese waren für die Wettbewerber nicht von Pappe.

Servicewagen
Der Servicewagen ist mit Schiebetritten zur Spaltüberbrückung an den Bahnsteigen ausgestattet und erleichtert „rollenden Fahrgästen“ die Einfahrt.
Foto: David Ulrich

So gehörten beispielsweise mehr Qualität durch modernere Fahrzeuge, mehr Sitzplätze und mehr Personal in den Zügen dazu. Auch der Komfort für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste mit Kinderwagen, Rollstuhl oder viel Gepäck musste verbessert werden. Das sollte mit  neuen  Fahrzeugen wie dem TALENT 2, der jetzt – allerdings verspätet – ausgeliefert wird, geschehen, aber auch mit einem umfassenden Umbauprogramm für Doppelstockwagen.

RE innen
Pro fünfteiligem Zug stehen jetzt 44 Sitzplätze mehr zur Verfügung, bezogen mit blauem Velourstoff in der 2. Klasse und Leder in der 1., dazu an jedem Doppelsitzplatz Steckdosen.
Foto: David Ulrich

Anfang Juli wurde nun der erste neugestaltete Doppelstockwagen für das „Netz Stadtbahn“ vom DB Fahrzeuginstandhaltungswerk Wittenberge an die DB Regio Nordost übergeben.

In die Runderneuerung von 75 Wagen werden 24 Millionen Euro investiert. Damit verbessert sich der Fahrkomfort für die Kunden zunächst auf der RE-Linie 1 Magdeburg–Brandenburg/Havel–Berlin–Frankfurt (Oder)–Eisenhüttenstadt. Die ersten neuen Doppelstockzüge fahren ab Ende Juli im regulären Betrieb, weitere folgen bis zum Fahrplanwechsel im Dezember. Sie verfügen unter anderem über eine veränderte Sitzanordnung, mehr und besser gepolsterte Sitze, Steckdosen, ein behindertengerechtes WC, Videoüberwachung, energiesparende LED-Leuchten, mehr Platz für Fahrräder und Kinderwagen sowie Fahrgastzähleinrichtungen.

Vorher – nachher

RE innen ausgebaut
„Bis auf die Haut ausgezogen“ werden die Doppelstockwagen, ehe sie komfortabler und mit mehr Sitzplätzen wieder auf die Reise geschickt werden. 24 Millionen Euro steckt die DB in die 15 umzubauenden Züge für das Netz Stadtbahn.
Foto: David Ulrich

RE Sitze
Danach bekommt das Netz Elbe-Elster redesignte Wagen. Mit etwas anderer Ausstattung werden schließlich 106 weitere Wagen für die Nord-Süd-Strecken in Wittenberge in enger Kooperation mit der DB Regio-Werkstatt Cottbus umgebaut. Das sichert 25 bis 30 Arbeitsplätze in Cottbus.
Foto: David Ulrich


Besteller- und Auftragnehmersicht

Staatssekretär Rainer Bretschneider aus der Sicht des Bestellers: „Zum einen sind wir sehr froh, dass die Fahrgäste mit dem vereinbarten Umbau der Züge mehr Komfort und Qualität bekommen, zum anderen freue ich mich, dass die Wagen in unserem Land modernisiert und umgebaut werden. Das sichert Arbeitsplätze bei der Bahn und auch in der Zulieferindustrie in der Region“.

Dr. Joachim Trettin aus der Sicht das Bahnunternehmens: „Die Modernisierungsarbeiten werden zu einer qualitativen Verbesserung des Angebotes für die Fahrgäste vor allem auf der RE-Linie 1 Magdeburg–Brandenburg/Havel–Berlin–Frankfurt (Oder)–Eisenhüttenstadt führen. Mit dem Abschluss der Umbauarbeiten wird DB Regio Nordost mit 15 modernisierten Doppelstockzügen in der Region Berlin/Brandenburg im Einsatz sein“.

Feierlich Übergabe Wagen
Feierliche Übergabe des umgebauten Wagens,
v.l.: VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz; Staatssekretär im Brandenburger Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft Rainer Bretschneider; Vorsitzender  DB Regio AG Nordost Dr. Joachim Trettin; Leiter DB Fahrzeug-Instandhaltungswerk Wittenberge Dietmar Schmidt
 

Stress ja, aber positiver!

Der Projektleiter Thomas Derlig ist gerade 26 Jahre alt

Projektleiter Thomas Derling

15 000 elektrische Klemmstellen und 3 Kilometer Kabel, die in einem Doppelstockwagen  richtig platziert und zusammengeschlossen werden müssen,  2200 Konstruktionsunterlagen, die exakt abzuarbeiten und 6000 Innenteile, die auszubauen, aufzuarbeiten und wieder einzubauen sind.

Das und vieles mehr geschieht in der Verantwortung des Projektleiters Thomas Derlig. Und der ist gerade einmal 26 Jahre alt, hat im Werk Wittenberge Mechatroniker gelernt, sich später nebenberuflich zum Ingenieur qualifiziert und wurde nach einer Nacht Bedenkzeit ins eiskalte Wasser eines sehr verantwortungsvollen Jobs geworfen. Dieser hat ihm zwar nach eigenem Bekunden schon ein paar graue Haare eingebracht, doch Spaß und Stolz stehen ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Von der Vorbereitung aller Produktionsunterlagen, des Materials, des Einsatzes der Gewerke bis zu den Tests und Abnahmen durch Besteller und Eisenbahnbundesamt ist er für die gesamte Frischzellenkur der Doppelstockwagen verantwortlich.

45 Arbeitstage Zeit hat er mit seiner Mannschaft für einen Wagen und keine Minute länger. Wenn die 75 Fahrzeuge für die RE 1-Linie aus der Werkstatt raus sind, geht es nahtlos weiter mit der Runderneuerung der  Züge für die Nord-Süd-Verbindungen RE 3 und RE 5 sowie des Elbe-Elster-Netzes, für die DB Regio ebenfalls die Ausschreibungen gewonnen hat.

Stress sei das alles schon, meint Thomas Derlig, aber positiver!