Ausflüge | 2011/20 - 27. Oktober, S. 29


Einzigartige Hüttenstadt hat „viele Eisen im Feuer“


Industriestädte sind vordergründig nicht gerade das, was man unter charmanten Ausflugszielen versteht. Als einzigartiges architektonisches Flächendenkmal kann Eisenhüttenstadt Besucher jedoch vom Gegenteil überzeugen.


Es müssen ja nicht immer nur Schlösser und Klöster sein: Wer eine Abwechslung zu den typischen Besichtigungsprogrammen sucht, ist mit Eisenhüttenstadt gut beraten, Brandenburg hat schließlich mehr zu bieten als Barock und Backsteingotik! Ein ganz besonderes – in Deutschland einzigartiges – Kapitel der jüngeren Architektur- und Aufbaugeschichte wird hier deutlich.

Die Planstadt entstand als erste und einzige deutsche völlige Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mustergültig sollte die „erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden“ die Gesinnung der Gesellschaft verkörpern, so stand es in den 1950 von der DDR-Regierung beschlossenen „16 Grundsätzen des Städtebaus“. Und so findet sich der Eisenhüttenstadt-Ausflügler heute in dieser inzwischen zum großen Teil sanierten stadtgewordenen ehemaligen Idealvorstellung.

Grundsatz Nummer 3 besagte „Die Städte werden in bedeutendem Umfange von der Industrie für die Industrie gebaut“. Das spiegelt sich nicht nur im Namen „Eisenhüttenstadt“ wider, der erst 1961 auf „Stalinstadt“ folgte, sondern besonders darin, dass die Wohnstadt um die Hochöfen des Stahlwerks gebaut wurde. Das Werk, 1951 unter dem Namen Hüttenwerk „Hermann Matern“ gegründet, firmierte ab 1963 unter Eisenhüttenkombinat Ost und war das größte Metallurgiekombinat der DDR. Heute wird es als ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH betrieben und kann nach Anmeldung besichtigt werden.

Eisenhüttenstadt
Foto: Stadt Eisenhüttenstadt

Neben dem Bau der Wohnstadt in der Nähe des Arbeitsplatzes bestimmten weitere Prinzipien die Gestaltung, so lautet Grundsatz 2: „Das Ziel des Städtebaues ist die harmonische Befriedigung des menschlichen Anspruchs auf Arbeit, Wohnung, Kultur und Erholung.“ Ob sich die angestrebte Harmonie in Eisenhüttenstadt einstellte, bleibt fraglich, sichtbar ist bis heute der für die Entstehungszeit außergewöhnliche Komfort der Wohnungen.

Heute ist fast die ganze Stadt ein geschlossenes Denkmal für die aus diesen Grundsätzen entstandene Art zu bauen. Ganze Wohnkomplexe stehen unter Denkmalschutz. Die Wohnhäuser mit Balkons zur Sonnenseite sind in kompakten, mit wesentlichen Versorgungseinrichtungen und vielen Grünanlagen in direkter Reichweite ausgestatteten Vierteln angeordnet. Wie es drinnen nach dem Erstbezug in den 50er Jahren ausgesehen haben könnte, zeigt eine eingerichtete Musterwohnung.

Noch viel mehr Gegenstände der Alltagskultur in der DDR gibt es im Dokumentationszentrum zu sehen. Die aktuelle Ausstellung „Alltagsdinge. Formgestaltung in der DDR“ widmet sich den einfachen Dingen, landläufigen Komsumgütern und ihrer Entstehungsgeschichte im Spannungsfeld zwischen geschmacklichem Anspruch, offizieller Kulturpolitik und Verfügbarkeit von Materialien.

Nina Dennert

Anmeldung zur Besichtigung des Stahlwerks (Mo-Fr möglich, Mindestalter 16 Jahre!):

Tourismusverein Oder-Region Eisenhüttenstadt e.V.
Lindenallee 25, Tel.: 03364 413690
TOR-Eisenhuettenstadt@t-online.de

Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR e.V.
Erich-Weinert-Allee 3, Tel.:  03364 41 73 55
www.alltagskultur-ddr.de

Öffnungszeiten:
Di-Fr 13-18 Uhr, Sa/So, Feiertage 10-18 Uhr
(außer 24.12., 31.12., 1.1. und Karfreitag)

Historische Wohnung
Straße der Republik 29
(gegenüber Rathaus und Post)
Besuch auf Anfrage beim Dokumentationszentrum


Fahrempfehlung

Mit dem RE 1 stündlich ohne Umsteigen nach Eisenhüttenstadt, zum Beispiel:

8.49 Uhr ab Berlin Hbf
9.21 Uhr ab Erkner
10.19 Uhr an Eisenhüttenstadt

ab 16.37 Uhr Eisenhüttenstadt
an 17.77 Uhr Erkner   
an 18.09 Uhr Berlin Hbf        

Tipp:
Auf RegioTOUR nach Eisenhüttenstadt ... [mehr]