Ein bei schwerem Sturm ins Gleis gefallener Baum, ein unter dem Zug verkeilter Einkaufswagen, ein Unfall oder ein Schwellenbrand – oft wird die Berliner Feuerwehr zu Hilfsleistungseinsätzen bei der S-Bahn Berlin hinzugerufen. Dann ist Teamwork gefragt, damit der Zugbetrieb schnell wieder aufgenommen werden kann und die Fahrgäste ans Ziel kommen. Um diese Zusammenarbeit zu verbessern, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen der S-Bahn Berlin und der Berliner Feuerwehr eng zusammen. In Schulungen können sie eine Baureihe genau unter die Lupe nehmen, erhalten Infos über die Besonderheiten und können so bei einem Einsatz effektiver agieren.

Es ist Montag, der 25. Oktober. In der Betriebswerkstatt Friedrichsfelde treffen neun Feuerwehrmänner der Feuerwache Friedrichshain ein, um mehr über die Beschaffenheit der S-Bahnen und die Abläufe bei einem besonderen Ereignis zu erfahren. Wann ist ein Viertelzug unter Spannung? Wie öffnet man in einem Notfall die Türen einer S-Bahn? Wo ist die Notleiter? Wie funktioniert das Kurzschließen eines Zuges? Wer ist der Ansprechpartner vor Ort?


Anschieben lässt sich eine S-Bahn nicht, geschweige denn anhalten, wenn der Koloss erst einmal ins Rollen gekommen ist. Foto: Christiane Flechtner

„Wenn in einem Ereignisfall ein Zug evakuiert werden muss, der Regio-Notdienst noch nicht vor Ort ist und der Lokführer unter Schock steht, ist es für Euch als Feuerwehrleute wichtig, dass Ihr einerseits wisst, wie Ihr in den Zug hineinkommt und welches Werkzeug Ihr benötigt, und andererseits, wo die Gefahrenstellen sind und wo größte Vorsicht geboten ist“, erklärt Transportkontrolleur Clemens Runge, der die Schulungen durchführt. Er weiß, wovon er spricht, ist er doch bei der S-Bahn Berlin auch als Regio Notdienst tätig und zusätzlich außerdem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.

Siegfried Maschke, Wachabteilungsleiter der Feuerwache Friedrichshain, freut sich über die ­Schulung: „In unserer normalen Grundausbildung werden die Themen zwar angeschnitten, aber nun können wir direkt am Fahrzeug ins Detail gehen und unser Wissen auffrischen.“

 

Nach der Theorie geht es an die Praxix

Nach der Theorie im Schulungsraum geht es ans Gleis, wo eine S-Bahn der Baureihe 481 wartet. Clemens Runge und sein Kollege Marco Albrecht zeigen den Feuerwehrmännern, wo sich am Fahrzeug die Klappe für die Türöffnung befindet und an welcher Stelle im Fahrgastraum der Feuer-löscher und der Kurzschließer versteckt sind.

Runge und Kollege Albrecht erklären außerdem, wo am besten die Hebekissen angesetzt werden, sollte jemand zwischen Zug und Bahnsteigkante eingeklemmt sein. „Damit könnt Ihr die S-Bahn seitlich ein Stück von der Bahnsteigkante wegdrücken und den Eingeklemmten befreien“, sagt er. Runge erklärt den Kollegen auch, dass sie nicht versuchen sollten, die S-Bahn im Notfall anzuheben. „Ein normales Löschfahrzeug hat gar nicht das Material dafür.“ Das könne allerdings der Technische Dienst der Berliner Feuerwehr und der Hilfsgerätezug der S-Bahn Berlin im Beisein eines Aufgleisleiters.


Marco Albrecht erklärt, wie man den
Kurzschließer anwendet. Foto: Christiane Flechtner

 

Zu guter Letzt sollten die Feuerwehrmänner noch versuchen, den Zug wegzuschieben. „Diese Idee hören wir oft“, sagt Runge. Doch was gut gemeint ist, sei sehr gefährlich. „Man kann einen 60 Tonnen schweren Viertelzug oder einen 120 Tonnen schweren Halbzug nicht einfach so anschieben. Doch viel schlimmer ist, dass er – gerät er einmal ins Rollen – nicht mehr aufzuhalten ist“, fügt der Notdienst hinzu. Die Feuerwehrleute probierten es dennoch. Sie sollten den Zug anschieben – er setzte sich jedoch aufgrund von geringem Gefälle, in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung. Aufzuhalten war er nur durch die Bremse.

 

Schulungen finden regelmäßig statt

Die Schulung am 25. Oktober war nicht die erste Schulung mit der Berliner Feuerwehr. „Im Gegenteil – wir machen solche Termine etwa einmal pro Monat, und nicht nur Berufsfeuerwehren, sondern auch die Freiwilligen Feuerwehren nutzen die Schulungen gerne. „Wir haben bereits zehn Anfragen von verschiedenen Wehren für das nächste Jahr.

Wir richten uns dann beim Schulungsort danach, wo sich die Feuerwache befindet, die daran teilnimmt. Beispielsweise werden Wachen in Waßmannsdorf oder die Flughafenfeuerwehr vom BER ihre Schulung im Werk Grünau durchführen. So haben die Feuerwehrleute einen kurzen Anfahrtsweg und können auch die Baureihen unter die Lupe nehmen, die in ihrem Arbeitsbereich fahren“, sagt Runge und fügt abschließend hinzu: „So wird die Zusammenarbeit auch 2022 weiter vertieft.“ | Christiane Flechtner

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