Fünf Jahre gelebte Nachbarschaft
Winterpause des Kulturzugs bietet Anlass für Rückblick

Schon auf der Jungfernfahrt war zu spüren, dass dieses Projekt ein voller Erfolg werden kann. Dabei sollte der Kulturzug eigentlich nur ein Jahr lang zwischen Berlin und der südwestpolnischen Metropole Breslau (Wrocław) verkehren, als diese 2016 zur Europäischen Kulturhauptstadt ausgerufen wurde. Doch es kam anders und wegen der großen Nachfrage wurde das Angebot auch nach 2016 weiter fortgeführt – bis November 2020, als der Kulturzug zum ersten Mal seit Bestehen in eine Winterpause ging. Inzwischen blickt er auf fünf Jahre gelebte Nachbarschaft zwischen Deutschland und Polen zurück. Drin war seit jeher, was der Name versprach: Die Fahrgäste erwartete auf der rund viereinhalbstündigen Reise Kultur im Zug – mit Lesungen, Konzerten, Vorträgen und mehr.

„Die erste Fahrt war natürlich besonders aufregend, denn es wusste ja niemand, was passieren würde“, erinnert sich Oliver Spatz, der von Anfang an zum Team des Kulturzuges gehörte. Zusammen mit seinen beiden Kolleginnen Natalie Wasserman und Ewa Strozczynsky-Wille war er verantwortlich für die Auswahl der Künstler sowie die Gestaltung und Leitung des Programms.

 

Kapelle spielte Swing-Musik

„Es hat sich schnell rausgestellt, dass mit dem Angebot ein Nerv getroffen war“, erzählt der 51-Jährige weiter. „Innerhalb von zwei Wochen waren wir ausverkauft und hatten an den Wochenenden teils über 1.000 Fahrgäste.“ Seine allererste Fahrt mit dem Kulturzug ist Oliver Spatz noch gut im Gedächtnis geblieben. Es seien diverse Ehrengäste geladen gewesen und eine Kapelle spielte Swing-Musik. „Die Grenzüberfahrt und dann noch weit ins Land hinein zu fahren, war wahnsinnig aufregend“, sagt der Berliner. „Man hat einfach gespürt, dass in diesem Moment ein neues Kapitel der nachbarschaft­lichen Beziehung zwischen Deutschland und Polen aufgeschlagen wurde.“


SoMermaids – Performance
im Sommer 2020.
Foto: Róbert Sági

An vielen Bahnhöfen hätten polnische Delegationen den Zug freudig begrüßt. „Wir haben oft länger als geplant gehalten und sind deshalb tatsächlich mit Verspätung in Breslau angekommen“, erzählt Oliver Spatz lachend. „Aber auch dort wurden wir mit offenen Armen empfangen und dann ging es direkt auf das Gelände der Jahrhunderthalle, wo eine Feier stattfand.“

Nachbarschaft habe sich dann auch zum Hauptthema in den vergangenen fünf Jahren entwickelt. „Denn man merkte, dass unser Programm die Fahrgäste anregte zu Gesprächen untereinander und zum Austausch von Tipps – zum Beispiel zu Übernachtungsmöglichkeiten oder Sehenswürdigkeiten“, weiß Oliver Spatz.

Eine Herausforderung sei dabei stets gewesen, was man den Fahrgästen über die viereinhalbstündige Fahrt bieten könne – und zwar auf sehr kleinem Raum. „Schließlich war unser Zug kein Theater mit viel Platz und einer großen Tonanlage“, sagt der Berliner. „Deshalb war es wichtig, dass das Angebot mobil ist und die Leute am Platz erreichte. Und wir haben gemerkt, dass die Fahrgäste gern einbezogen werden wollten und selbst viel zu erzählen haben.“ Diesem Interesse, aktiv mitzuwirken, habe man gerecht werden müssen.

All die Jahre sei zum Beispiel ein besonderes Quiz über Polen beliebter Bestandteil des Programms gewesen. Ebenso die mobile Bibliothek, die in einfachen Flugzeugtrolleys untergebracht wurde. Und eine mobile Ausstellung mit berühmten deutschen und polnischen Breslauern. „Das funktionierte wie eine Galerie auf Schienen, die Bilder waren auf Überzieher für die Kopfstützen gedruckt“, erklärt Oliver Spatz.

 

Szenen einer Nachbarschaft

Die Künstler für das Programm im Kulturzug kamen sowohl aus Deutschland als auch aus Polen. Wichtig sei eben gewesen, dass sie sich auf den Zug und den minimalen Raum einlassen konnten. „Den größten Erfolg hatten die Formate, die über unsere Funkkopfhörer funtkionierten – Lesungen hatten wir so abgehalten oder musikalische Formate“, erinnert sich der Programmleiter.

Jedes Jahr sei mit einem bestimmten Thema überschrieben gewesen, 2020 war es „Europa fährt familienfreundlich“. Die Programme wurden den geltenden Abstands- und Hygieneregeln in der Corona-Pandemie angepasst. Wegen des fortschreitenden Infektionsgeschehens pausiert der Zug jetzt aber.

Im kommenden Jahr – sofern er dann wieder fahren darf – lautet das Thema „Szenen einer Nachbarschaft“. Für den Start des Kulturzugs nach der Winterpause wünscht sich Oliver Spatz, dass die Menschen ihr Reiseglück weiter in der Nähe suchen. „Und dass sie das Interesse für ihren direkten Nachbarn weiter lebendig halten.“

 

  • Der Kulturzug wurde von den Ländern Berlin und Brandenburg, dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), DB Regio und der Niederschlesischen Eisenbahn Koleje Dolnoslaskie (KD) ins Leben gerufen.
  • Das Kulturprogramm im Zug wird gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Trägerin des Programms ist die Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin e. V.
  • 2017 hat der Kulturzug den Europäischen Kulturmarken-Award gewonnen, 2018 wurde er zudem mit dem Deutschen Schienenverkehrspreis ausgezeichnet.
  • Aufgrund behördlicher Anordnungen der polnischen Behörden im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hat sich der Kulturzug am 20. November 2020 in die Winterpause verabschiedet. Die aktuelle Pause wird von den Ländern Brandenburg und Berlin genutzt, um derzeit mit der DB Regio, Regio Nordost und der polnischen Koleje Dolnos´la˛skie über die Fortsetzung des preisgekrönten Zuges im Frühjahr des nächsten Jahres zu verhandeln.