In einer der letzten Ausgaben hatte punkt 3 noch über das Mysterium des S-Bahnzeichens und seines unbekannten Schöpfers berichtet. Und auch wofür eigentlich das „S“ in S-Bahn steht, konnte damals nicht abschließend geklärt werden. Mit dem neuen Jahr ergaben sich in beiden Fragen neue und überraschende Antworten. Ans Licht kamen diese dank eines Rechercheteams um den freischaffenden Verleger Mathias Hiller, der sich gut gelaunt zu einem Interview bereitfand:

 

Herr Hiller, klären Sie uns auf, wann und von wem wurde das berühmte Logo der S-Bahn entworfen?

Mathias Hiller: Der Gebrauchsgraphiker Fritz Rosen, der das Berliner Atelier Bernhard leitete, arbeitete von März bis Juli 1930 an Entwurf und Gestaltung des S-Zeichens für die Reichsbahndirektion Berlin. Am 13. November 1930 wurde das Zeichen offiziell zur Verwendung freigegeben. Alles in allem wurden Rosen dafür laut Aktenlage 800 Reichsmark ausbezahlt.

 

Was faszinierte Sie an Ihrer Recherche besonders?

Mathias Hiller: Meine beiden Mitstreiter Robert Meincke, Lokführer bei der DB, und Udo Dittfurth, Direktor des S-Bahn-Museums, und ich widmeten uns in jahrelanger, detailversessener Detektivarbeit den entsprechenden Akten aus Landes- und Bundesarchiv und – besonders spannend – den vielen, schwer zu entziffernden handschriftlichen Vermerken darin. Dieses Eintauchen in die historischen Quellen und Biographien ließ die Zeit der 1920er und -30er förmlich wieder aufleben.

 

Mathias Hiller (51),
freischaffender Verleger und
Hobbyhistoriker mit Faible
für die Berliner S-Bahn

 

 

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Schöpfer des S-Bahnzeichens letztlich identifizieren konnten?

Mathias Hiller: Wir haben ihn endlich! Und wissen wie er aussieht. Mir war es wichtig, diesen Menschen zu würdigen. Fritz Rosen war ein begnadeter Grafiker, der neben dem S-Bahnzeichen unwahrscheinlich tolle Sachen gemacht hat, für die er heute leider gar nicht mehr bekannt ist, auch weil er 1933 vor den Nazis fliehen musste.

 

Woher kommt Ihre Begeisterung für die Geschichte der Berliner S-Bahn?

Mathias Hiller: Ich bin großgeworden in Strausberg Stadt mit direktem Blick auf den S-Bahnsteig und hatte das Geschehen dort praktisch immer im Blick. In meiner Lehre bin ich dann immer mit der S-Bahn nach Berlin gependelt – mit der Zuggruppe Emil und dem guten Ludwig. Für mich ist die S-Bahn ein Verkehrsmittel von Menschen für Menschen gemacht und hat immer eine gesellschaftliche Komponente: wer fährt da mit, wer fährt wen, wie hat sich das entwickelt über die Jahrzehnte in der ganz besonderen Geschichte Berlins? Abgesehen davon interessierten mich grafische Sachen wie das allgegenwärtige S-Bahnzeichen.

 

Zum guten Schluss, wofür steht das „S“ in S-Bahn?

Mathias Hiller: Namenstechnisch war das ja ein ganz schönes Durcheinander in den Jahren 1929/1930. Oft wird angenommen, dass sich das „S“ aus Stadt-Schnellbahn ableite, was nicht völlig falsch ist, denn tatsächlich wurde kurzzeitig dieser Begriff verwendet (und „SS“ abgekürzt). Letztlich hatte die Hauptverwaltung allerdings schlicht etwas gegen die Bezeichnung Schnellbahn, da diese für kommunale Verkehrsmittel bereits in Gebrauch war. Also einigte man sich ab März 1930 auf die ohnehin bereits gängige „Stadtbahn“. Und damit auf die Abkürzung S-Bahn.

 

Herr Hiller, vielen Dank für das spannende Gespräch.

Das Interview führte: Lionel Kreglinger

 

Fritz Rosen, Sohn einer jüdischen Familie, arbeitet seit 1918 als Graphiker in Berlin und ab 1924 im Atelier des weltbekannten Professors für Reklamekunst, Lucian Bernhard, das er später auch leitet und nach Bernhards Emigration in die USA übernimmt. Nur ein Jahr später (1933) muss Rosen das Atelier aufgeben und ebenfalls vor den Nazis fliehen. Ab 1936 ist er in London als Werbegraphiker tätig, wo er bis zum Ruhestand bleibt. Er stirbt 1980 in Brighton. Foto: Sammlung Berliner S-Bahn-Museum

 

image_printdrucken