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Ein Sprung in Richtung Zukunft
Siemens und Stadler ziehen erste Bilanz zur neuen Baureihe

Seit über 100 Tagen ist die neue S-Bahn der Baureihe 483/484 nun schon mit Fahrgästen auf der Linie S47 unterwegs. Die Bilanz für die ver­gangenen Wochen und Monate fällt positiv aus – da herrscht bei der S-Bahn Berlin sowie den Verantwort­lichen von Stadler Deutschland und Siemens Mobility traute Einigkeit. „Wir sind auch nach 100 Tagen im Betrieb noch sehr glücklich, die richtigen Partner an unserer Seite zu haben“, resümiert S-Bahn-Chef Peter Buchner. „Die Einführung der neuen Züge ist für uns ein Riesensprung in die Zukunft.“ Die S-Bahn Berlin hatte zuletzt 2004 neue Züge bekommen, sagt Buchner weiter. „Wir haben jetzt die Chance, ein Viertel unserer Flotte zu erneuern und einen wirklichen Qualitätssprung zu machen.“

 

Einführung von Neufahrzeugen ist eine Herausforderung

Die neue Baureihe zeige und beweise im Betrieb, was heute im Fahrzeugbau alles möglich sei: Von Zuverlässigkeit und Raumgefühl, über Kundeninformation und Klimatisierung bis hin zum Fahrkomfort. Aber trotz der langen Vorbereitung und der unendlich vielen Tests, sei die Einführung eines solchen spezifisch entwickelten und gebauten Fahrzeugs immer eine Herausforderung.

Der S-Bahn-Chef freut sich, dass es bislang nicht nur von den Kunden positive Rückmeldungen zur „Neuen“ gegeben habe – sondern eben auch von den Mitarbeitenden der S-Bahn Berlin selbst. Denn die Triebfahrzeugführer:innen konnten vorab die Gestaltung des Führerstands maßgeblich selbst mitbestimmen – wie die Anordnung von Anzeigen und Tastern, sodass deren Bedienung später intuitiv erfolgen kann.

Inzwischen hätten 121 Mitarbeitende die Berechtigung für die neuen Fahrzeuge, erläutert Peter Buchner. Die Züge der neuen Baureihe sind vorerst im regulären Fahrgastbetrieb auf der Linie S47 zwischen Spindlersfeld und Hermannstraße unterwegs. Geplant ist, dass ab Juli 2022 weitere Fahrzeuge auf der Linie S46 zwischen Königs Wusterhausen und Westend zum Einsatz kommen.

„Da uns Siemens/Stadler aber mitgeteilt hat, dass voraussichtlich schon ab Oktober Serienfahrzeuge zur Verfügung stehen können, sind wir mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg im Gespräch, diese Züge möglichst ab Herbst zum Einsatz zu bringen“, sagt Peter Buchner. „Denn wir wollen den Fahrgästen die neue Fahrzeugqualität so schnell wie möglich zur Verfügung stellen – vor allem auch vor dem nächsten Winter. Im vergangenen Winter, der nach langer Zeit mal wieder ein richtiger Winter mit Schneefall und großer Kälte war, hat die neue Baureihe bewiesen, dass sie aufgrund ihrer Konstruktion mit solchen Witterungsbedingungen viel besser zurechtkommt, als unsere alten Züge.“ So sei zum Beispiel feiner Flugschnee für die neuen Antriebe kein Problem gewesen.

 

Maßgeschneiderte Züge für das Netz

Nicklas Meyer, leitender Fahrzeugingenieur und technischer Projektleiter bei Stadler Deutschland, schließt sich dem positiven Fazit von Peter Buchner an. Stadler verantwortet den mechanischen und wagenbaulichen Teil der Konstruktion und Fahrzeugproduktion – dazu gehören die Türen, die Klimatisierung und die Montage aller Komponenten zum fertigen Fahrzeug im Stadler-Werk in Berlin-Pankow. „Wir freuen uns, dass der Betriebsstart im Probebetrieb auf der S47 mit Fahrgästen planmäßig und erfolgreich verlaufen ist“, sagt Meyer. Auch wenn man stets auf reibungslose Betriebsaufnahmen hinarbeite, so sei das bei der neuen S-Bahn dennoch etwas Besonderes, auf das man stolz sein könne.

Denn die Züge seien maßgeschneidert. „Wir sprechen also von einem Fahrzeug, das keinem vorhandenen Fahrzeugtyp eines Herstellers entspricht“, erläutert Meyer. „Wir haben hier eine Sonderanfertigung entwickelt, die exakt auf die Bedingungen des Berliner S-Bahnnetzes und seine Besonderheiten zugeschnitten ist.“ Stadler-Markenzeichen sei beispielsweise auch die volle Durchgängigkeit und die freie Sichtachse durch die Fahrzeuge über deren gesamte Länge. „Die neue Durchgängigkeit erzeugt ein Gefühl von subjektiver Sicherheit und sorgt zudem für einen optimalen Fahrgastfluss“, sagt Meyer weiter.

Die Baureihe 483/484 sei zudem die erste Berliner S-Bahn mit einer Klimaanlage für den Fahrgastraum, die sich intelligent in das Fahrzeug integriere. Weil sie anders, als das sonst der Fall war, nicht auf dem Dach verbaut wurde. Auch hier habe man die Züge an das S-Bahnnetz angepasst und auf den niedrigen Nord-Süd-Tunnel reagiert.

Nicklas Meyer verweist auch noch mal auf die ausgiebigen Tests der Züge – denn der Bau des ersten Zuges war bereits 2018 abgeschlossen. Trotzdem hat es bis zum Einstieg der ersten Fahrgäste noch gedauert. „Die Teststrategie war durchaus sinnvoll“, sagt Meyer. „Die Fahrzeuge sind wirklich jeden Winkel des Berliner S-Bahnnetzes und der S-Bahnwerke abgefahren und konnten so zeigen, dass sie überall frei einsetzbar sind. Wir konnten dadurch zudem wertvolle Erkenntnisse gewinnen, um die Fahrzeuge weiter zu optimieren.“

Meyer nennt dafür ein Beispiel: In der ersten Testphase habe sich gezeigt, dass die Stromabnehmer der Züge der neuen Baureihe nicht überall gleich zuverlässig mit den alten in den S-Bahnwerken vorhanden Stromschienen harmoniert hätten. Das sei also optimiert worden und es werde nun eine angepasste Variante der Stromabnehmer verbaut.

„Die Neue“ wurde seit 2019 im Berliner Netz getestet – und habe dabei über 150.000 Testkilometer absolviert, wie Gerald Winzer berichtet. Er ist bei Siemens Mobility verantwortlich für die Berliner S-Bahn. „Die neuen Züge sind ein Vorzeigeprojekt für urbane Mobilität“, sagt Winzer. „Wir haben in den neuen S-Bahnen eine robuste Technik, die bereits bei vielen Fahrzeugen auf der Welt eine hohe Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt hat, eingebaut.“


Foto: André Groth

 

Alle Neuerungen sind auch online zu sehen

Bei so viel Lob drängt sich die Frage auf: Gabs zwischendurch wirklich keinerlei Probleme? Doch, auch die habe es erwartungsgemäß gegeben, räumt Peter Buchner ein. „Das waren so Sachen wie ein Luftschlauch, der abgegangen ist, bis hin zu Problemen mit der Software – weswegen wir jetzt auch neue Software-Versionen bekommen.“

Auch das Kuppeln und Trennen der Züge ist noch nicht am Bahnsteig möglich, sagt Buchner weiter. „All diese Themen arbeiten Siemens/Stadler in Abstimmung mit uns jetzt ab, damit sie bei den Serienfahrzeugen nicht mehr auftauchen.“ Denn derzeit sind sogenannte Vorserienfahrzeuge im Einsatz. Mit ihnen gilt es, Erfahrungen zu sammeln und Lerneffekte zu ermöglichen. „Deshalb ist uns allen in den vergangenen 100 Tagen auch nicht langweilig geworden“, schließt Peter Buchner.

Wer sich alle Neuerungen der Baureihe 483/484 noch einmal coronakonform und bequem vom heimischen Sofa aus ansehen will, dem sei die Webseite der S-Bahn Berlin empfohlen. Dort findet sich eine Zug-Grafik, durch die man sich ganz einfach durchklicken kann.

 

„Ich finde die neue S-Bahn ganz prima – und mir gefällt eigentlich alles in ihr sehr gut. Sie fährt ruhig und die Ansagen sind besser als vorher. Auch vom Aussehen her finde ich die neuen Züge viel schicker.“
Evelin Schüßler, S-Bahn-Kundin aus Berlin

 

„Es ist wirklich ein Quantensprung für die Berliner S-Bahn. Die Rückmeldungen der Fahrgäste sind in Summe sehr gut, es gibt keine großen Kritikpunkte. Hervorgehoben werden etwa das sanfte, angenehme Fahren und die Klimaanlagen. Verbesserungsbedarf gibt es allenfalls bei Details der Fahrgastinfo-Bildschirme und der Signaltöne im Zug.“
Jens Wieseke, Vize-Vorsitzender der Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange Berlin

 

„Die neue S-Bahn ist toll – besonders die Panoramafenster gefallen mir und meiner Familie sehr gut. Wir sind große Fans der S-Bahn und deshalb auch direkt mit der ersten neuen S-Bahn zu Silvester gefahren, um Punkt Mitternacht. Nur die Türsignale finden wir nicht so gelungen. “
Christiane Schwack, S-Bahn-Kundin aus Berlin

 

sbahn.berlin