Die Triebfahrzeugführer:innenstreiks der GDL hatten auch auf die S-Bahn Berlin Auswirkungen. Während der Streiktage verkehrte beispielsweise keine Ringbahn – ein für Berlinerinnen und Berliner äußerst seltenes Phänomen, das streik- und personalmangelbedingt leider unvermeidbar war. Doch wie wird eigentlich bei der S-Bahn entschieden, welche Linien und Züge noch verkehren und wie agiert ein so großes Verkehrsunternehmen vor und in der Ausnahmesituation eines Streiks im Hinblick auf das Kundenangebot und die Kundeninformation?

Tobias Mertens ist Chef der Leitstelle Plus der S-Bahn Berlin in Schöneweide und hat in den Tagen eines Streiks eine besondere Verantwortung. Er und seine pro Schicht zehn Mitarbeiter:innen setzen alles daran, mit dem zur Verfügung stehenden, nicht streikenden Personal einen Fahrplan auf die Schiene zu bringen, der trotz schwieriger Voraussetzungen das beste Angebotsergebnis für die Kund:innen ermöglicht.

Dieser Fahrplan gründet auf einem sogenannten Streik-Basisprogramm (m   Grafik), das von den Referent:innen für Bau- und Ressourcenplanung im Vorlauf erstellt wurde und nach ersten allgemeinen Vorankündigungen eines Streiks verfeinert wird. Die Produktionsplaner:innen haben den Auftrag, einen Fahrplan aufzustellen, der für die nachgelagerten Stellen schnell nachvollziehbar und stabil durchsetzbar ist.

Die Hauptschwierigkeit bei der Erarbeitung des Streikfahrplankonzepts ist die Unklarheit über den genauen Beginn und das Ende des Streiks sowie über die Anzahl der Lokführer:innen, die schließlich zum Dienst erscheinen. Letzteres wird auf Grundlage vergangener Streiks abgeschätzt. Auf Basis dieser Schätzung werden Leitlinien entwickelt, denen der Streikfahrplan Folge leistet. Beispielsweise können die stadtkernnahen Stationen der Ringbahn leichter durch Alternativangebote wie das der BVG abgedeckt werden und finden sich so auch eher unten auf der Prioritätenliste.

Ganz oben stehen dagegen die Verbindungen zwischen den Hauptstädten der Bundesländer (Berlin und Potsdam), zum Flughafen BER und die Linien der Außenäste des Netzes, die das Umland bedienen. Dort ist die S-Bahn oft das öffentliche Verkehrsmittel Nummer eins und somit schwer zu ersetzen.

Zum Konzept des Streikfahrplans gehört außerdem ein genauer Organisationsplan zur qualifizierten Abstellung und Bewachung der zahlreichen Züge, die für die Stabilität des Basisprogramms nicht benötigt werden. Überdies spielt die Kommunikation mit den Kund:innen während eines Streiks eine wichtige Rolle und wird ebenso akribisch im Vorfeld geplant.

 

Kundeninformation vor und während eines Streiks

Vor dem tatsächlichen Beginn eines Streiks wird die Kundeninformation über das Fahrgastmarketing der S-Bahn Berlin gesteuert. Die Homepage (sbahn.berlin) spielt ein „News-Band“ mit der zeitlichen Ankündigung des Streiks, verbunden mit der zeitnahen Veröffentlichung des entsprechenden Streikfahrplans aus. Auch über Twitter (@SBahnBerlin), die Zugzielanzeiger und zyklische Ansagen auf den Bahnhöfen werden die Kund:innen vor Beginn des Streiks informiert. Während des Streiks übernimmt die Kundeninformation dann die Leitstelle Plus in Schöneweide. Die Störungsmeldungen auf der Homepage werden so immer aktuell gehalten und die Fahrgäste können in der Linienübersicht schnell erfassen, was auf den einzelnen Linien genau verkehrt.

Mithilfe der elektronischen Fahrplanauskunft und der App ist es möglich, bis maximal vier Stunden vor Fahrtantritt die entsprechenden aktuellen Daten abzurufen. So soll sichergestellt werden, dass sich die Fahrgäste stets rechtzeitig über ihren Reiseweg informieren können.


Ein S-Bahn-Streckennetz in Zeiten eines Streiks: das Streik-Basisprogramm ohne fahrende Ringbahn – ein für die Kund:innen ungewöhnlicher Anblick in ungewöhnlichen Zeiten.

 

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