Mischa Karth hat ernste Absichten. Er will Berlin kennenlernen, und zwar so richtig. Damit ihm das gelingt, hat der 33-Jährige das Projekt „96 Localities“ gestartet. Die Idee dahinter: Jeden Ortsteil besuchen, davon ein Video drehen – und es im Anschluss veröffentlichen. „Inzwischen sind es allerdings 97 Ortsteile, Schlachtensee ist noch dazugekommen“, macht Mischa Karth deutlich. Acht Videos sind bereits auf dem YouTube-Kanal des Journalisten zu sehen, bisher führte ihn sein Vorhaben nach Prenzlauer Berg, Blankenfelde, Friedenau, Siemensstadt, Lichtenberg, Gropiusstadt, Hellersdorf und ins Hansaviertel.

 

Viel Wandel in Hellersdorf

„Von Hellersdorf war ich überwältigt“, sagt Mischa Karth. „Dieses Stück Berlin war komplettes Neuland für mich. Und man hat ja nach der vorherigen Recherche eine gewisse Idee von dem Ortsteil – aber hier war es so, dass vor Ort alles anders war.“ Hellersdorf habe sich in den vergangenen Jahren extrem gewandelt: viel Bau, großes Bevölkerungswachstum. „Normalerweise war es nach meiner Erfahrung so, dass man Gebäude sieht und sie einer Epoche zuordnen kann. Das war in Hellersdorf nicht so, weil es erst spät entstanden ist und seitdem auch schon viel saniert wurde“, resümiert Mischa Karth.

 

Besuch am Flughafen gab den Ausschlag

Die Idee für das Projekt entstand Ende 2020. „Ich war schon immer am Dreh von Videos interessiert und habe dazu verschiedene kleine Sachen umgesetzt“, erzählt der im Wedding lebende Karth. „Den Ausschlag hat dann ein Besuch am Flughafen Tegel um Ostern 2020 gegeben – es hat mich fasziniert, wie leer es dort war. Ich habe für Freunde in Amerika ein Video gemacht, um zu zeigen, wie Berlin während Corona aussieht. Und dann kam der Gedanke: Warum nicht mal alle Ortsteile angucken?“ Zunächst sei die Überlegung gewesen, pro Folge zwei bis drei Ortsteile zusammen vorzustellen.

Bis klar wurde, dass jeder Ortsteil für sich schon viel zu erzählen hat – und man in einzelnen Filmen auch besser der unterschiedlichen Größe und Einwohnerzahl eines jeden Ortsteils gerecht werden kann. „Ich bin in einem Dorf groß geworden, wo man jeden kannte“, erzählt Mischa Karth. „Dagegen ist Berlin einfach wahnsinnig groß und das Videoprojekt ist der Versuch, sich systematisch einen Überblick zu verschaffen. Meine Erkenntnisse will ich gerne weitergeben.“ Ziel sei es, den Charakter der Ortsteile und einige Highlights zu zeigen.

Schon abgedreht und in Bearbeitung sind Videos über Reinickendorf und Plänterwald. „Plänterwald hat einen sehr schönen Bahnhof“, berichtet der 33-Jährige. „Ohne die öffentlichen Verkehrsmittel wäre dieses Projekt sowieso sehr viel schwerer umzusetzen. Ich hatte auch schon die Idee, mal Berlins Bahnhöfe zu proträtieren, vielleicht kommt das dann danach.“

 

Rund zehn Stunden Nachbearbeitung

Recherche und Dreh der Videos sind die eine Sache, Schnitt und Feinarbeit eine andere. Gut zehn Stunden dauere die Nachbearbeitung pro Film, berichtet Mischa Karth. „Ich probiere dabei aber auch gerne und viel aus, mit Photoshop und Grafiken.“ Gesprochen wird in den Videos Englisch, es habe ihn aber auch schon die Bitte erreicht, mal auf Deutsch zu drehen.

„Jetzt überlege ich, ob ich dann vielleicht mit englischen Untertiteln arbeite“, sagt Karth, der seit zehn Jahren in Berlin lebt. „Ich wollte immer hierher, schon in der Schule. Berlin wirkte so extrem bunt und lebendig, mit so viel Kultur – während Corona merkt man, was fehlt. Die Prioritäten verschieben sich, die Natur wird wieder wichtiger, wenn man so viel in der eigenen Wohnung ist“, sagt Mischa Karth.

Ende April endet seine Zeit in der Hauptstadt vorerst, er zieht für einen neuen Job nach Hannover. „Mein Projekt ,96 Localites‘ soll aber weitergehen – notfalls verbringe ich dafür einfach alle meine Urlaube hier“, sagt er lachend.

 

Die Videos von Mischa Karths Projekt „96 Localities“ sind auf seinem YouTube-Kanal zu sehen. Die bisherigen Filme sind zwischen fünfeinhalb und 13 Minuten lang. youtube.com

 

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