Wer regelmäßig mit der Bahn unterwegs ist, merkt: Auf den Schienen in Berlin und Brandenburg wird immer mehr gebaut. Das bringt Veränderungen bei den Fahrplänen, Ersatzverkehre und teilweise Umwege mit sich. Hinter diesen Baumaßnahmen stecken die Unternehmen DB Netz als Betreiber der Gleise und unter anderem DB Regio als fahrendes Verkehrsunternehmen. Welche Herausforderungen die zunehmenden Projekte mit sich bringen, darüber geben Klaus Sievert und Daniel Tripmacher, zwei der Baufahrplaner von DB Regio Nordost, im Interview Auskunft.

Ganz grundsätzlich gefragt: Wie kommt es überhaupt zu einer Baumaßnahme?
Klaus Sievert: Bauarbeiten am Schienennetz sind, wie bei Straßen und Autobahnen, notwendig, um die Verkehrssicherheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten. Auch mit Blick auf das Thema Klimaveränderung spielt der Ausbau der Schienenwege eine immer größere Rolle. Wenn Instandhaltungsmaßnahmen oder Aus- und Neubauprojekte notwendig werden, beginnt die Planung der DB Netz oft über Jahre im Voraus. Neben der eigentlichen Bauplanung wird dabei auch die Notwendigkeit von Gleis- und Streckensperrungen und deren Verträglichkeit mit dem laufenden Betrieb bewertet. Und es wird natürlich auf andere Projekte geschaut – zum Beispiel auch auf Umleitungsstrecken – um einen geeigneten Termin zu finden.

Vor allem für die Kunden kommen solche Bauphasen aber gefühlt immer zum falschen Zeitpunkt.
Daniel Tripmacher: Tatsächlich ist es seit einigen Jahren immer schwieriger geworden, geeignete Zeitpunkte auszumachen. Einfach weil das Investitions- und Bauvolumen mit Hilfe der Finanzierung durch den Bund erheblich zugenommen hat. Das führt dazu, dass sich oft mehrere Baustellen überlagern. Oft müssen für den Kunden ungünstige Termine festgelegt werden, beispielsweise über Feiertagswochenenden oder im Berufsverkehr. Die Hoch-Zeiten für Baumaßnahmen sind wegen der gemäßigten Temperaturen im Frühling und Herbst.

Wenn eine Baumaßnahme beschlossen wurde, was muss alles organisiert werden?
Klaus Sievert: Dann kommen die Eisenbahn-Verkehrsunternehmen ins Spiel, also auch wir von DB Regio. Je nachdem, welche Gleise und Strecken gesperrt werden müssen, wird ein verändertes Verkehrskonzept erarbeitet. Die Arbeit beginnt je nach Größe und Komplexität der Maßnahme bereits einige Monate vorher und das Konzept wird mit allen Beteiligten sukzessive verfeinert, bis der veränderte Fahrplan steht.

Was heißt „verändertes Verkehrskonzept“?
Daniel Tripmacher: In zug- und minutengenauer Abstimmung werden zwischen DB Netz, DB Regio, dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg als Besteller, unserem Busunternehmen und weiteren Beteiligten die notwendigen Zugausfälle, Umleitungen und Änderungen der Fahrzeiten geplant. In der Folge prüfen wir die Möglichkeit, andere Verkehrsmittel, wie die S-Bahn, als Ersatz anbieten zu können. Oder, in der Vielzahl der Fälle, planen wir einen Fahrplan für Ersatzbusse.
Klaus Sievert: Für diesen Fahrplan vergibt dann unser Busunternehmen den Auftrag zur Leistungserbringung an geeignete regionale Busbetriebe.

Wo ist das im Planungsprozess zeitlich angesiedelt?
Klaus Sievert: Idealerweise passiert das alles einige Wochen vorher, also mit einem solchen zeitlichen Vorlauf, dass alle Informationen rechtzeitig gedruckt und digital vorliegen. So dass jeder Fahrgast sich im Vorfeld seiner Reise über die Fahrplanänderungen erkundigen kann und – besser noch – auf Änderungen zu seinen Fahrgewohnheiten aktiv hingewiesen wird.

Trotzdem sorgt das Thema Schienenersatzverkehr regelmäßig für Unmut unter den Fahrgästen.
Daniel Tripmacher: Ja, der Idealfall tritt leider nicht immer ein. Der Prozess der Planung, Abstimmung und Information hat naturgemäß viele sensible Stellen. So kann sich aus unvorhergesehenen technischen Gründen kurzfristig der Bauablauf ändern oder es muss ein anderes Gleis gesperrt werden. Die genaue Fahrplankonstruktion ergibt möglicherweise Konflikte, etwa wegen anderer Baustellen, so dass weitere Züge ausfallen und ersetzt werden müssen. Oder eine Straßenbaustelle zwingt uns dazu, die ohnehin längeren Fahrzeiten der Busse noch weiter zu verlängern – dadurch sind dann eventuell Anschlüsse gefährdet und die Informationen an den Fahrgast müssen überarbeitet und neu herausgebracht werden.
Klaus Sievert: Manchmal macht uns auch extremes Wetter einen Strich durch die Rechnung und eine Baumaßnahme muss kurzfristig verlängert oder verändert werden.

Aber die längeren Fahrzeiten der Busse auf der Straße sind nicht das einzige Problem?
Daniel Tripmacher: Nein, es beginnt schon bei der Verfügbarkeit der Busse – auf die wir nur wenig Einfluss haben. Für unser Busunternehmen ist es – infolge der Menge gleichzeitiger Baumaßnahmen einerseits und des enger werdenden Marktes für Busse und Fahrer andererseits – zunehmend ein Problem, die geplanten Buskapazitäten zu organisieren. Auch, wenn der Radius der angefragten weiteren Busbetriebe bereits erheblich in andere Regionen erweitert wurde.

Wie werden die Fahrgäste denn über Veränderungen im Ablauf informiert?
Daniel Tripmacher: Neben Plakaten, Flyern und dem klassischen Aushang am Bahnsteig setzen wir verstärkt auf die Online-Informationskanäle. Sobald die Baufahrpläne erarbeitet sind, fließen sie in die Verbindungsauskunft der Apps „DB Navigator“ und VBB „Bus&Bahn“ sowie auf bahn.de und VBB.de ein. Es lohnt sich immer, kurz vor Fahrtantritt die Verbindung online zu überprüfen. Wenn kurzfristige Änderungen auftreten, macht dort ein Ausrufungszeichen in einem Dreieck darauf aufmerksam.
Klaus Sievert: Wenn unsere Fahrgäste wissen möchten, was auf ihrer Strecke los ist, hat sich unsere Seite bauinfos.deutschebahn.com bewährt. Hier werden übersichtlich alle Bauarbeiten in der Region aufgelistet. Für Pendler bieten wir auch einen Newsletter an, in dem Informationen speziell zu der benutzten Strecke direkt per E-Mail an den Fahrgast geschickt werden.

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