Der Dornröschenschlaf ist vorbei
Erste Arbeiten an der legendären Siemensbahn

Auch wenn das „echte“ Dornröschen geschlagene 100 Jahre bis zu seiner erlösenden Wachküssung schlafen musste, 40 Jahre sind im Fall der 1980 stillgelegten Siemensbahn auch schon lange Zeit genug. Zumal bis zur endgültigen Reanimierung (in Form von fahrenden Zügen) wohl noch einmal neun Jahre ins Berliner Land ziehen werden. Zum 100-jährigen Jubiläum der Erstinbetriebnahme im Jahr 2029 sollen dann jedoch wieder S-Bahnen über die historische Strecke rollen.

Zum Ortstermin am formschönen, wenngleich von Wildwuchs und Graffiti überwucherten Viadukt am Bahnhof Wernerwerk erschienen DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla und Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Sie informierten über die aktuelle Sachlage und die Zukunft des komplexen Projekts, das Teil des Infrastrukturprogramms „i2030“ der Länder Berlin, Brandenburg, des VBB und der DB ist.


Ronald Pofalla, DB-Infrastrukturvorstand und die Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Regine Günther (Grüne) am Bahnhof Wernerwerk. Foto: Andre Groth

 

Aktuelle Lage am Viadukt

Das 800 Meter lange Stahlviadukt (erbaut zwischen 1927 und 1929) wird derzeit von altem Schotter und maroden Holzschwellen befreit. Ziel ist es, die begründete Hoffnung zu bestätigen, dass das Bauwerk erhalten werden kann. Dazu müssen zunächst rund 2.500 Schwellen und 3.300 Tonnen Schotter abtransportiert werden, um die darunterliegenden Buckelbleche und weitere tragende Teile auf ihren Zustand zu untersuchen. Ronald Pofalla zeigte sich zuversichtlich, da erste Ergebnisse der bautechnischen Untersuchung positiv ausgefallen seien.

 

Die neue Siemensbahn

Das Verkehrsprojekt sieht vor, die Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld zu reaktivieren. Über den Bahnhof Jungfernheide wird mit der etwa viereinhalb Kilometer langen Trasse dann der Anschluss an die Ringbahn wiederhergestellt. Nachdem die Siemens AG im Jahr 2018 beschlossen hatte, einen Innovationscampus mit Forschungseinrichtungen und rund 3.000 Wohnungen auf ihrem Werksgelände zu errichten, hatte sich der Berliner Senat, unterstützt von der Deutschen Bahn, für die Reaktivierung ausgesprochen. Für Regine Günther ist die Siemensbahn eine der spannendsten Strecken im Schienen-Ausbauprojekt „i2030“.

Nicht nur die Siemensstadt 2.0 werde dadurch gestärkt, auch den großen Siedlungsgebieten Spandaus eröffne das Projekt ganz neue Perspektiven. Umwelt- und klimafreundliche Verkehrsmittel wie die S-Bahn, die Metropolen wie Berlin dringend benötigten, um lebenswert zu bleiben, würden so nachhaltig gestärkt. Auch Ronald Pofalla sieht in der neuen Siemensbahn ein starkes Signal nicht nur für Berlin und den Siemens-Innovationscampus, sondern auch für das ernsthafte Vorhaben der Deutschen Bahn, stillgelegte Bahnstrecken wiederzubeleben. Beide waren sich einig, was die hohe Priorität des Siemensbahn-Projekts betrifft.

 

Zukunft und Vergangenheit

Auf dem Weg zur endgültigen Realisierung warten allerdings noch diverse Herausforderungen auf die Beteiligten: neben planerischen Leistungen wie Umweltstudien, Schallgutachten und Vermessungen müssen bis zu zehn Kilometer neuer Gleise verlegt und zwei neue Brücken über die Spree errichtet werden.
Darüber hinaus ist eine Machbarkeitsstudie in Arbeit, welche die Optionen einer Streckenverlängerung über Gartenfeld hinaus in Richtung Wasserstadt Oberhavel und Hakenfelde prüft.

Ein bisschen wehmütig blickte Senatorin Günther dann doch zurück auf längst vergangene Zeiten: der Beschluss zum Bau der (alten) Siemensbahn fiel 1925, Baubeginn war 1927 und Eröffnung 1929. Ganz so zackig wird es mit der neuen Siemensbahn (und ihrer möglichen Verlängerung) wohl nicht laufen. Aber wenn die ersten Züge zum großen Jubiläum der Strecke im Jahr 2029 dann wieder rollen, werden die Berlinerinnen und Berliner allen Grund haben, sich zu freuen – 100 Jahre danach, ganz wie bei Dornröschen.


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