Herr Müller, vor 100 Jahren wurde Berlin durch das Groß-Berlin-Gesetz auf einen Schlag zur drittgrößten Metropole der Welt. Heute wirkt die Stadt im Vergleich zu sogenannten Megacities, wie Tokio, Seoul oder New York schon fast wieder dörflich. Ist die Konkurrenz mit anderen Metropolen heute überhaupt noch wichtig?

Michael Müller: Berlin war damals wie heute eine auf allen Ebenen wachsende Stadt. Die zentrale Herausforderung für die Metropolen der Welt bleibt die gleiche: Das Wachstum der Städte in verträgliche Bahnen zu lenken und zugleich funktionierende und lebenswerte Orte zu schaffen. In Berlin stellen sich ähnliche Fragen wie in Tokio oder New York: Wie sorgen wir für ausreichend bezahlbaren Wohnraum? Wie gelingt die Mobilitätswende? Wie verändert die Digitalisierung unsere Stadt? Die Städte können deshalb viel voneinander lernen. Und Berlin ist auch als Metropole eine Stadt der kurzen Wege und lebendigen Kieze geblieben und damit ein Spiegelbild für die Stadt der Zukunft.

 

Als Groß-Berlin entstand, musste auch die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden. Welche Herausforderungen von damals sehen wir noch heute im ÖPNV?

Michael Müller: Berlin profitiert heute noch von den damaligen wegweisenden Entscheidungen, zum Beispiel dem U-Bahn-Ausbau. Die ÖPNV-Anbindung des gesamten Stadtgebietes war entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung. Mit der Verkehrswende geht es heute um ähnliches: Mobilitätsangebote für die ganze Stadt, klimaverträglich und nachhaltig. Dabei kommt dem ÖPNV eine zentrale Bedeutung zu: Denn ein gut ausgebauter, emissionsarmer und bezahlbarer Nahverkehr ist entscheidend für wirksamen Klimaschutz und ein Mobilitätsangebot für alle. Dafür stellen wir heute schon die Weichen.

 

Die Stadt wurde in den Zwanzigerjahren zu einem starken industriellen und kulturellen Standort. Vor allem in Sachen Kultur hat sich Berlin seit dem Mauerfall seinen Ruf zurückerobert. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?

Michael Müller: Berlin hat sich vor allem zu einer international gefragten Wissenschafts- und Forschungsmetropole entwickelt. Das Miteinander von Startups, traditionellen Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen macht Berlin zum Innovationsmotor mit attraktiven Standortfaktoren. Das sorgt auch für ein Comeback Berlins als Industriestandort: An Zukunftsorten wie der Siemensstadt 2.0 oder der Urban Tech Republic auf dem Gelände des Flughafen Tegels werden Antworten auf die Zukunftsfragen der digitalen Gesellschaft gesucht. Berlin wird deshalb heute wieder mit einer Vision der Stadt von morgen verbunden.

 

In diesem Jahr feiern wir 100 Jahre Groß-Berlin, 2019 jährte sich der Mauerfall zum 30. Mal. Was fällt Ihnen zum Stichwort „Zusammenwachsen“ in Bezug auf Berlin ein?

Michael Müller: Der Begriff gehört gewissermaßen zur DNA von Berlin. Die Stadt hat das an vielen Stellen ihrer wechselvollen Geschichte bewiesen. Auch in der aktuellen Corona-Krise zeigen die Menschen, was Solidarität und Zusammenhalt bedeuten. Berlin war und ist eine Projektionsfläche für eine Vielfalt der Menschen und Lebensentwürfe und deshalb als Stadt der Freiheit auch ein internationaler Bezugspunkt für Weltoffenheit. Jens Bisky spricht in seiner Berlin-Biografie von einem „Weltaugenblick“, wenn er die Dynamik beschreibt, mit der im Berlin der 1920er neue Impulse entstanden. Das drückt aus, was Berlin wie ich glaube damals wie heute auszeichnet: Berlin ist eine Stadt der Chancen. Eine Stadt, die im beständigen Zusammenwachsen immer Neues entstehen lässt.

 

Wegen der Corona-Krise fiel der große Festakt zum Jubiläum aus, viele Ausstellungen und Veranstaltungen mussten ihr Programm verlegen oder ganz absagen – wie lautet ihr ganz persönlicher Tipp, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Michael Müller: Es ist sehr bedauerlich, dass vieles von dem was für das Jubiläum geplant war, verschoben werden musste oder nicht stattfinden kann. Aber es gibt zum Glück auch tolle digitale Angebote – beispielweise das Projekt 1000 x Berlin. Insgesamt 1.000 Fotografien aus den Sammlungen der Museen illustrieren die unterschiedlichen Facetten der Stadtgeschichte. Mit dieser Online-Galerie kann man die Umbrüche der Stadt eindrucksvoll nachvollziehen – auch von Zuhause aus. Und bald auch wieder in den vielen Museen und Ausstellungen der Stadt.

 

 

Wie das preußische Los Angeles entstand

Wedding, Tiergarten, Prenzlauer Tor, Friedrichshain, Hallesches Tor und Mitte – so hießen die Bezirke, die vor dem Gesetzesbeschluss am 27. April 1920 Berlin bildeten. Die Stadt lag inmitten eigenständiger Städte, Gemeinden und Gutsbezirke, die alle selbst über ihre kommunalen Belange entscheiden konnten. Selbständige Städte waren etwa die späteren Groß-Berliner Bezirke Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf. Durch den Zusammenschluss vergrößerte sich die Fläche der Stadt von rund 65 Quadratkilometer auf rund 878 Quadratkilometer und war damit nach Los Angeles flächenmäßig die zweitgrößte Stadt der Welt.

Das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ trat am 1. Oktober 1920 in Kraft. Doch nicht alle Parlamentarier waren für Groß-Berlin: Die Befürworter der strafferen Einheitsgemeinde verfügten in der letztlich entscheidenden Preußischen Landesversammlung nur über eine knappe Mehrheit.

Für die zunehmenden Industrialisierung der Stadt aber war der von dem parteilosen Regierenden Oberbürgermeister Adolf Wermuth initiierte Zusammenschluss dringend notwendig: Seit 1885 verlegten immer mehr Unternehmen wie Borsig (Maschinenbau), Siemens und AEG (Elektrotechnik) Teile ihrer Produktion in benachbarte Gemeinden.

Dies setzte den zuvor schon begonnenen Ausbau der Verkehrsverbindungen in und um Berlin voraus, vor allem der Vorort-Schnellbahn. Gleichzeitig erfolgte die Erweiterung des Versorgungsnetzes (Gas, Wasser, Abwasser, Elektrizität) über die Stadtgrenzen hinaus. Heute spricht man nur noch selten von „Groß-Berlin“. Zuletzt wurde der Ausdruck im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 offiziell benutzt. Diese Erwähnung verschwand nach der Vereinigung 1990. Auch die Stadtverwaltung von Ost-Berlin nannte sich bis 1977 „Magistrat von Groß-Berlin“.

 

NEU, GROSS, GRÜN – 100 Jahre Architekturmoderne im Berliner Südwesten

Die zweiteilige Ausstellung im Gutshaus Steglitz und in der Schwartzschen Villa ist bis zum 28. Juni täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, mit Ausnahme jeden ersten Dienstag im Monat. Der Eintritt ist frei. Anhand von zwölf repräsentativen Beispielen des Neuen Bauens in Steglitz und Zehlendorf zeigt die Ausstellung, wie sich Berlin ab 1920 zum Experimentierfeld der Moderne entwickelte. Für den Besuch gilt Maskenpflicht, außerdem dürfen nur zwölf Besucher auf einmal in die Ausstellungen. Alle weiteren Hygienemaßnahmen werden vor Ort mitgeteilt.

Gutshaus Steglitz, Schloßstraße 48, 12165 Berlin
Schwartzsche Villa, Grunewaldstraße 55, 12165 Berlin
S+U-Bf Rathaus Steglitz , weiter mit BUS M48, 188, 283, 386 bis Schlossparktheater

 

Käthe Kollwitz und das Elend der Großstadt

Die Sonderausstellung zeigt Plakate und Buchpublikationen, von Käthe Kollwitz entworfen und bebildert, zusammen mit selten gezeigten Skizzen und zeichnerischen Vorstudien der Künstlerin zum Thema des Großstadtelends. Die Ausstellung ist täglich von 11 bis 16 Uhr noch bis zum 5. Juli geöffnet. Der Eintritt kostet regulär 7 Euro, ermäßigt 4 Euro. Es gilt Maskenpflicht, etwa 15 bis 20 Besucher dürfen zeitgleich die Ausstellung besuchen. Empfehlenswert sind auch die zwei extra konzipierten digitalen Rundgänge, auf denen sowohl ein guter Überblick über die Exponate als auch Hintergrundwissen vermittelt wird: kaethe-kollwitz.de.

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Fasanenstraße 24, 10719 Berlin
U-Bf Uhlandstraße

 

1000xBerlin

1.000 Fotografien aus den Sammlungen der Berliner Bezirksmuseen und des Stadtmuseums Berlin geben einen faszinierenden Einblick in die Stadtgeschichte. Das Online-Portal ist ein Kooperationsprojekt, das von Mitarbeitern der Berliner Regionalmuseen und der Stiftung Stadtmuseum Berlin zum 100. Jahrestag der Gründung Groß-Berlins geplant und umgesetzt wurde.

Unter dem Menüpunkt „Mitmachen“ sind Berliner aufgefordert, eigene Fotografien der Metropole einzusenden! 1000x.berlin

 

Aufgrund der Corona-Krise müssen ein Großteil der geplanten Veranstaltungen und Ausstellungen ausfallen oder verschoben werden. Wir stellen einige lohnenswerte Ausstellungen und digitale Angebote vor, die trotzdem stattfinden.

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