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Bahnlektüre
Feines Frösteln

Was macht man als Verlag mit einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs (Leïla Slimani) in einer Schreibkrise? Richtig, man schickt sie nach Venedig, sperrt sie für eine Nacht ins dortige Museum Punta della Dogana und schaut, was passiert. Das Resultat jener Nacht ist dieser Romanessay über ihre Herkunft (Marokko), die Suche nach Identität, ihre Beziehung zum Vater und zur Kunst sowie die „Zaubermacht“ des Schreibens generell. Sie zitiert darin Tschechov, der über die großen Schriftsteller sagte: „Das sind die, die es mitten im Sommer schneien lassen und die Flocken so gut beschreiben, dass einem plötzlich kalt wird und man zittert.“ So gesehen könnte einen beim Lesen dieses feinen Buches durchaus frösteln. | lk

 

Leïla Slimani „Der Duft der Blumen bei Nacht“, Verlag: Luchterhand, 2022, 158 Seiten, 20 €