Hohe gewölbte Decken mit prunkvollem Stuck, prächtige Mosaikfenster, altes Stabparkett. Was an eine Kirche oder ein Schloss erinnert, war vor über 120 Jahren ein Speisesaal in den Beelitzer Heilstätten – ein Sanatorium für lungenkranke Patienten bei Berlin. Wer genauer hinschaut, entdeckt an den Wänden des Saals mit dem abgeblätterten Putz einen Sportler, der eine Hantel in die Luft stemmt. Die Zeichnung stammt aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als sich das Sana­torium längst in ein sowjetisches Militärkrankenhaus verwandelt hatte – und Soldaten in dem Saal ihre Turn­übungen machten.

Peter Hieronymus ist seit 2014 beein­druckt von den Beelitzer Heilstätten. Sie waren damals ein einzigartiger Ort für alle, die fasziniert sind von der eigenwilligen Schönheit stillgelegter Krankenhäuser, verfallener Fabriken oder verlassener Bahnhöfe. „Diese erste Tour war der Beginn meiner Leidenschaft für Lost Places. Stundenlang habe ich auf dem denkmalgeschützten Sanatoriumsgelände meine Eindrücke fotografisch festgehalten. Ich war begeistert von den Gebäuden und den Spuren der Vergänglichkeit.“


Geheimnisvoller Ort: die ehemalige Militärstadt in Wünsdorf mit Krankenstation (oben)

 

Geheime Schätze aufspüren

Der Hobbyfotograf, der bei der S-Bahn Berlin im Einkauf arbeitet, ist seitdem in seiner Freizeit auf der Suche nach immer neuen verlassenen Orten und Ruinen, die er ablichten kann. „In Berlin selbst verschwinden diese Lost Places nach und nach. In Brandenburg gibt es sie noch. Bei meinen Fahrradtouren spüre ich sie auf, oft hilft mir der Zufall.“

Findet er unbekannte Lost Places, hält er sie wie einen Schatz geheim. Das gehört für ihn wie für viele „Urban Explorer“ zum Ehrenkodex: „Werden diese Orte bekannt, laufen sie Gefahr, zerstört zu werden.“

Wer auf der Suche nach Fotomotiven aus vergangen Zeiten ist, dem rät Hieronymus, eine geführte Tour im Internet zu buchen. „Zusammen mit den Anbietern gelangt man sicher an verborgene Orte, an denen sonst der Zutritt streng verboten ist, und hat die Gelegenheit, in aller Ruhe zu fotografieren.“ Ausgerüstet mit Kamera und Stativ, versucht Hieronymus bei seinen Expeditionen den besonderen Charme der Lost Places einzufangen. „Spannend finde ich das Spiel mit Licht. Mit einer Taschenlampe und Langzeitbelichtung lassen sich vor Ort einzigartige Aufnahmen erzeugen. Fällt die Sonne durch alte Glasfenster, machen ihre Strahlen den Staub sichtbar, der in den alten Räumen tanzt“, so der Fotograf.

„Eine geführte Tour lohnt sich zum Beispiel in die ehemalige sowjetische Militärstadt Wünsdorf oder in die ehemaligen Forster Textilfabriken in der Lausitz“, rät er. Im 19. Jahrhundert liefen hier die Webstühle der Arbeiter, die für die Industriellen Adolf Noack und Hermann Bergami Stoffe herstellten. „Die repräsentativen Fabrikgebäude bieten schöne Details wie Schmucksteine über Werksfenstern, Schmiedekunst auf dem Kesseldach oder eine ,Lichtkathedrale‘, in der früher die fertigen Tücher kontrolliert wurden.“ Aber auch Industriemuseen wie das Stahlwerk Brandenburg oder die Brikettfabrik Knappenrode seien ein Shooting wert. | Kristin Lübcke

 

Hält die Fäden in der Hand: Bei der S-Bahn Berlin kümmert sich Peter Hieronymus um den Einkauf. Der Wirtschaftsingenieur ist kaufmännisch für die Bestellung aller Waren und Dienstleistungen zuständig, die notwendig sind, damit der Betrieb rund laufen kann – von neuen Zügen über Reparaturen an den Instandhaltungsmaschinen bis zu Schulungen der Mitarbeiter:innen.
(Foto: Kristin Lübcke)

 

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