Unternehmen | 2018/17 - 13. September, S. 5


„Wir bleiben dran und werden besser“


Regionalverkehr stand im Sommer vor vielfältigen Herausforderungen


Die Nerven der Kunden von DB Regio Nordost wurden in den vergangenen vier Monaten strapaziert, was war los?

Bernd Schniering: Es ist das Zusammenspiel vieler Faktoren, das dieses Jahr besonders macht. Wir haben zum ersten Mal, seit ich hier in Verantwortung bin, gleich zwei große Herausforderungen über die Sommermonate gehabt.

Das war zum einen die Verfügbarkeit der Fahrzeuge und zum anderen – das ist neu – die Verfügbarkeit des Personals. Beides zusammen hat dazu geführt, dass wir vermehrt Züge ganz oder zum Teil ausfallen lassen mussten. Dafür möchten wir bei unseren Fahrgästen um Entschuldigung bitten.

Allerdings geht auch nicht alles, was zu Unregelmäßigkeiten führt, auf DB Regio Nordost als Eisenbahnverkehrsunternehmen zurück. Der Anteil an ungeplanten Zugausfällen aufgrund von äußeren Einflüssen liegt bei über 50 Prozent.

Bernd Schniering

Bernd Schniering, ist seit 1. August 2016 Leiter Produktion bei DB Regio Nordost

Was sind das für Einflüsse?

Bernd Schniering: Das können Witterungen sein, Böschungsbrände, Personen im Gleis, Stellwerkstörungen oder Fahrbahnschäden. Davon gehört zwar einiges auch zum Konzern Deutsche Bahn, damit identifizieren wir uns natürlich genauso, aber viele Dinge kommen eben auch von ganz außerhalb.

Und dann wollten sich bei dem schönen Wetter besonders viele Leute an der Ostsee erfrischen, so dass die angebotenen Sitzplatz- und Fahrrad­kapazitäten nicht ausreichten. Einige Fahrgäste konnten daher gar nicht befördert werden. Das sind ­keine Ausfälle, es führt aber ebenfalls zu Ärger bei den Kunden.

Weshalb war denn die Fahrzeug­verfügbarkeit eingeschränkt?

Bernd Schniering: Bei den Fahrzeugen beschäftigen uns mehrere Themen. Wir haben ganzjährig immer einen ET 442 weniger, weil hier ein Gewährleistungsprogramm mit dem Hersteller Bombardier läuft. Die Bugmasken, also die Verkleidungen vorne am Fahrzeug, werden instandgesetzt. Die Fahrzeuge müssen dafür in die Werkstatt überführt werden und fehlen im Betrieb.

Außerdem waren wir von zwei größeren Baumaßnahmen betroffen, die länger gedauert haben als geplant: Bad Kleinen und Karower Kreuz. Für die Umlaufplanung am Karower Kreuz brauchen wir beim RE 3 sechs statt fünf Züge. Dazu kam der sehr heiße Sommer. Die Klima­anlagen fallen zwar nicht über Gebühr aus, aber wenn, dann mussten wir die Fahrzeuge bei den extre­men Temperaturen möglichst schnell aus dem Verkehr ziehen, um die Gesundheit der Fahrgäste nicht zu belasten.

Gibt es denn keine Fahrzeug­reserven?

Bernd Schniering: Doch, die gibt es: Wir haben zum Beispiel im Netz Stadtbahn 48 ET 442 im Einsatz, kalkuliert sind ­sieben Reserven. Das ist rechnerisch eigentlich komfortabel, üblich sind zehn Prozent Reserve. Allerdings sagt ein Durchschnittswert nicht allzu viel über die Realität im Betrieb aus. An manchen Tagen steht die Reserve bereit und wird nicht benötigt, an anderen Tagen kommt alles auf einmal und es fallen mehr Züge aus, als ersetzt werden können.

Das genannte Gewährleistungsprogramm und zusätzliche Umläufe wegen Bauarbeiten verkleinern die Reserve. Wenn dann noch anderes dazwischen kommt, Steinschläge oder Wildunfälle etwa, dann wird es eng.

Wieso ist es beim Personal so eng?

Bernd Schniering: Als Ergebnis des hohen Baugeschehens mussten auch hier mehr Triebfahrzeugführer als üblich eingesetzt werden. Hinzu kamen sehr viele kurzfristige Baumaßnahmen, bei denen der Dispositionsaufwand sehr hoch war. Da muss viel jongliert werden, um immer Personal zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben. Zusätzlich trat eine neue Regelung im Tarifvertrag in Kraft, die den Einsatz an den Wochenenden vor dem Urlaub nicht mehr erlaubt. Das heißt, sie können weniger eingesetzt werden. Freundlicherweise haben viele Kollegen mit Führerschein ausgeholfen, die eigentlich in anderen Bereichen arbeiten. Trotzdem: Wenn auch noch mehrere Kollegen am Wochenende krank werden, kann in der Urlaubs­saison unter Umständen keiner mehr einspringen.

Was wird getan, um die Fahrgäste in Zukunft zuverlässiger ans Ziel zu bringen?

Bernd Schniering: Wir haben 20 zusätz­liche Triebfahrzeugführer-Stellen geschaffen. Außerdem planen wir die neuen Regelungen im nächsten Jahr von vornherein ein. Die Kapazitäts­erweiterung im Netz Stadtbahn sorgt im kommenden Jahr für zusätzliche Fahrzeugreserven. Wir haben auch mit Land und Auf­gabenträgern einen guten Plan für die RB 55 (Netz Nordwest­brandenburg ) erarbeitet. Der Verkehrs­­verbund Berlin Brandenburg (VBB) hat uns erlaubt, dort ältere ertüchtigte Fahrzeuge (VT 646) einzusetzen, damit der Verkehr stabil läuft und wir ausreichend Reserven an VT 648 für die Linie RE 6 haben. Mit dem Fortschritt der Bauarbeiten am Karower Kreuz endet ab 12. Oktober die ­Brechung der RE 3, damit steht wieder ein Fahrzeug mehr zur Verfügung. Ansonsten hoffen wir für den Herbst natürlich, dass wir von extremen ­Witterungen verschont bleiben.