Kundenbetreuung | 2014/06 - 20. März, S. 8


Ein Unfall im S-Bahn-Netz


Rund 800 Mal im Jahr werden Polizei und Notarzt zu Einsätzen gerufen. Ob auf den Gleisen, Bahnhöfen, im Zug: Oft ist der S-Bahn-Verkehr dadurch deutlich beeinträchtigt.


Jede Unfallsituation ist anders. Kommt es im S-Bahn-Netz zu einem Rettungseinsatz, kann es Stunden dauern, bis der Verkehr auf der Schiene wieder normal rollt. Je nachdem was passiert ist, sind eine Vielzahl von Einsatzkräften, darunter beispielsweise der Notarzt und die Polizei, beteiligt. Beim Eingang der Meldung können die Dauer und die Auswirkungen des Einsatzes noch nicht eingeschätzt werden. Die Fahrgäste werden durch die Kundeninformationen – Durchsagen, Laufbänder auf den Zugzielanzeigern und gegebenenfalls Mitarbeiter vor Ort – auf dem Laufenden gehalten.

Bei keinem Unfall oder Vorkommnis wird die auf den ersten Blick erfasste Situation Aufschluss darüber geben, welche Folgen das auf den weiteren Verkehrsablauf haben wird. Also ist es in diesem Moment unmöglich, Fahrgästen im Netz die so gewünschten verbindlichen Informationen zu geben.

Nicht selten stellen sich die Umstände viel schwieriger dar, als es anfangs schien. Wenn dann alle Einsatzkräfte am Ort des Geschehens sind, die einzelnen Maßnahmen festgelegt werden, müssen in der Regel die Zeitprognosen angepasst werden. Das ruft den Unmut der Fahrgäste hervor, denn es ist für sie schwer verständlich, wenn es länger dauert als bislang angekündigt. Eine Unfallsituation ist aber, anders als eine langfristig geplante Baumaßnahme, nicht berechenbar.

Notfall

Der Unfall am 14. Januar 2014 am Biesdorfer Kreuz zeigt im Folgenden, wie kompliziert die ablaufenden Prozesse sind. Dieses Protokoll trägt vielleicht auch zum Verständnis für die Unwägbarkeiten bei solchen Situationen bei, die – leider – immer wieder passieren.

C. Braun/St. Hein


Protokoll eines fast vierstündigen Rettungseinsatzes bei der S-Bahn Berlin

17.40 Uhr:
Es wird ein auf die Gleise gestürztes brennendes Auto am Biesdorfer Kreuz im Kilometer 8,0 der Notfallleitstelle  (kurz NFLS) der Betriebszentrale in Halensee gemeldet.

Die Notfallleitstelle verständigt den zuständigen Fahrdienstleiter über das „gefährliche Ereignis im Bahnbetrieb“. Der S-Bahn-Betrieb wird gestoppt.

17.45 Uhr:
Der Fahrdienstleiter sperrt die Gleise zwischen Wuhletal und Biesdorfer Kreuz sowie zwischen Biesdorfer Kreuz und Wuhletal und informiert die NFLS darüber.

Der Mitarbeiter der NFLS verständigt die Rettungsleitstelle der Feuerwehr, die Landes- und Bundespolizei, den zuständigen Notfallmanager sowie weitere Techniker.

Der Netzkoordinator beantragt die Stromabschaltung für die Gleise zwischen Biesdorfer Kreuz und Wuhletal sowie Wuhletal und Biesdorfer Kreuz bei der Netzleitstelle in Markgrafendamm, die durch diese ausgeführt wird.

Die Notfallleitstelle dokumentiert – nach Bestätigung der Stromabschaltung durch die Netzleitstelle und der Gleissperrung durch den Fahrdienstleiter – die Stromabschaltung und Gleissperrung in schriftlicher Form und übermittelt sie an die Rettungsleitstelle der Feuerwehr.

Der zuständige Bereichsdisponent in der Betriebszentrale informiert den Verkehrsdisponenten der Transportleitung der
S-Bahn Berlin in Schöneweide. Er legt im Rahmen des Störfallmanagements ein Betriebskonzept fest.

Der Mobilitätskoordinator, ebenfalls in der Transportleitung, und der Reisendeninformationsmanager (RIS-Manager) übermitteln das abgestimmte Betriebskonzept  den beteiligten Lokführern und Stammaufsichten. Diese informieren den Kunden per Durchsagen und über die Laufbänder der Zugzielanzeiger über die Störung und Umfahrungsmöglichkeiten.

Der Bereichsdisponent unterrichtet die beteiligten Fahrdienstleiter über die festgelegte Betriebsführung.  
 
17.53 Uhr:
Die Feuerwehr mit einer Einsatzeinheit und Krankenwagen sowie der Notarzt treffen am Unfallort ein. Es folgen Beamte der Bundespolizei, die für das Bahngelände zuständig sind, und die Landespolizei, da es sich auch um einen Unfall im öffentlichen Straßenland handelt.

17.55 Uhr:
Der verständigte Notfallmanager der S-Bahn ist vor Ort. Er ist bereits über die bisher durchgeführten Sicherungsmaßnahmen informiert und setzt unverzüglich die tragbaren Kurzschließer an beide Gleise. Damit sind die notwendigen Sicherungsmaßnahmen getroffen und die Feuerwehr und Rettungskräfte können ungehindert ihren Aufgaben nachkommen.

Der Mobilitätskoordinator in der Transportleitung veranlasst nach Absprache mit der Leitstelle der BVG, dass die Fahrgäste von Alexanderplatz/Lichtenberg nach Wuhletal auf die Umfahrungsalternative mit der U-Bahn-Linie U5 hingewiesen werden. Ein Busnotverkehr muss nicht eingerichtet werden.

18.23 Uhr:
Der Brand ist gelöscht und der Verletzte geborgen.

Bundespolizei und Landespolizei beginnen mit den Ermittlungen. Nun gilt es zu klären, ob die Unglücksursache tatsächlich ein Unfall war.

18.30 Uhr:
Mitarbeiter des Fachbereichs Bahnstrom und Sicherungstechniker der DB Netz AG treffen ein und überprüfen, ob Gleisanlagen, Stromschiene oder Kabel der Sicherungstechnik Schaden genommen haben.

21.20 Uhr:
Die polizeilichen Ermittlungsarbeiten und Prüfmaßnahmen der Gleisanlagen, Sicherungstechnik und Stromschiene sind abgeschlossen.
Da an der Bahninfrastruktur keine größeren Schäden entstanden sind, sind Reparaturen nicht erforderlich. Die Bergung des ausgebrannten Pkw ist für den Folgetag geplant.

21.25 Uhr:
Der Einsatzleiter der Feuerwehr informiert den Notfallmanager darüber, dass die Bergungs- und Ermittlungsarbeiten abgeschlossen sind und alle Beteiligten die Gleisanlagen verlassen haben. Er gibt den Bereich frei. Der Einsatzleiter allein entscheidet zu diesem Zeitpunkt über die Freigabe des Bereichs.

Der Notfallmanager entfernt nun die tragbaren Kurzschließer von der Stromschienenanlage und lässt diese über die Netzleitstelle in Markgrafendamm wieder einschalten. Nachdem er sich nochmals persönlich überzeugt hat, dass alle Personen die Gleisanlagen verlassen haben, informiert er den zuständigen Fahrdienstleiter darüber, dass die Gleise frei und wieder befahrbar sind.

21.31 Uhr:
Der Fahrdienstdienstleiter hebt die Streckensperrung auf. Er teilt dies dem zuständigen Bereichsdisponenten mit.
Der Bereichsdisponent stimmt mit dem Verkehrsdisponenten der Transportleitung ab, welche Züge zuerst durchfahren können.

21.35 Uhr:
Die Züge der S 5 fahren wieder planmäßig, jedoch ist kein Zug und kein Triebfahrzeugführer der Linie mehr in seinem geplanten Umlauf unterwegs.

Die Mitarbeiter der Transportleitung müssen die geplanten Fahrten von Zügen in die Werke, die sich alle verzögert haben, neu regeln. Auch die Schichten der Lokführer müssen reguliert werden.


Im konkreten Beispiel dauerte es drei Stunden und 45 Minuten, bis die S-Bahn-Züge der S 5 wieder planmäßig fahren konnten. Allein die Feuerwehr war drei Stunden und 32 Minuten vor Ort.

 

Durch Polizei- und Notarzteinsätze verspäteten sich im Jahr 2013 in über 800 Fällen rund 4800 Züge. Dabei kamen in etwa 44 000 Verspätungsminuten zusammen. Umgerechnet entspricht das mehr als 61 Stunden im Monat, wo Züge aufgrund von Rettungseinsätzen zu spät sind.