Unternehmen | 2013/15 - 15. August, S. 4


Wenn der Notarzt kommen muss


Thomas Elk in der Betriebszentrale zuständig für die Disposition auf der Infrastruktur, und Tobias Mertens, Leiter der Transportleitung, zuständig für Fahrzeug- und Per- sonaldisposition sowie Fahrgastkommunikation im Störfall, im Gespräch mit punkt3


20 Minuten dauert im Durchschnitt ein Notarzteinsatz im Zug. Ärgerlich für die Fahrgäste, weil sich die Fahrt verzögert, aber nötig, weil geholfen werden muss. Allerdings stellen sich die Fahrgäste häufig die Frage: Warum ist der Verkehr viel länger gestört?

Tobias Mertens: Das stimmt, nach 20 Minuten ist nicht alles wieder in Ordnung. Züge und Personal mussten umdisponiert werden. Fahrzeuge sind nicht mehr dort, wo sie sein sollen und Schichtpläne der Triebfahrzeugführer kommen durcheinander. Bis alles wieder geordnet ist und nach Plan läuft, kann es ein bis zwei Stunden dauern.

Krankenwagen

Was passiert genau, wenn ein Notarzt zum S-Bahn-Zug gerufen werden muss?

Thomas Elk: Der reguläre Meldeweg geht vom Triebfahrzeugführer über den Fahrdienstleiter zur Notfallleitstelle der Betriebszentrale. Die ist zuständig für die Kommunikation mit den Einsatzkräften wie Feuerwehr, Polizei und in diesem Fall eben dem Notarzt. Der Zug wartet dann im Bahnhof auf den Notarzt.

Tobias Mertens: Gleichzeitig setzt sich die Betriebszentrale mit uns – der Transportleitung – in Verbindung. Der Zug steht erst einmal, bis der Arzt die Lage eingeschätzt hat. Die Versorgung des Notfallpatienten hat natürlich absoluten Vorrang, erst an zweiter Stelle kommt die Aufgabe, den Kunden einen verlässlichen Verkehr anzubieten.

Tobias Mertens
Tobias Mertens, Leiter der Transportleitung in Schöneweide
Foto: David Ulrich

Wer bestimmt, wie verfahren wird?

Thomas Elk: Wo der Notarzt behandelt, ist allein seine Entscheidung. Das hängt ganz von der Situation ab. Oft sprechen Gründe für eine Erst-behandlung im Zug. Das ist immerhin ein einigermaßen geschlossener Raum mit Dach über dem Kopf.

Tobias Mertens: Die erste Einschätzung der Lage bestimmt dann auch das weitere Vorgehen, und was wir den Kunden sagen können. Sie werden dann über die Störung und Alternativrouten zur Umfahrung informiert.

Und wer entscheidet, wie es mit dem Verkehr weitergeht?

Thomas Elk: Das macht die Transportleitung in enger Abstimmung mit der Betriebszentrale. Gemeinsam wird überlegt, was bei der bestehenden Verkehrslage möglich ist und wie reagiert werden soll.

Elk
Thomas Elk von der Betriebszentrale Halensee
Foto: Sabine Adler

Tobias Mertens: Das hängt natürlich davon ab, an welcher Stelle im Netz der Notarzt gebraucht wird. Problematisch wird es dort, wo nicht überholt werden kann. Dann entsteht ein Pfropfen, die nachkommenden Züge stauen sich und im Gegenverkehr geht alles weiter, da besteht die Gefahr, dass das halbe Netz gewissermaßen „leer gefahren wird“. In solchen Fällen muss man dann auch einmal die Verkehrsleistung vorübergehend absenken, in dem Züge vorzeitig gewendet oder umgeleitet werden.

Thomas Elk: So eine Stelle wäre zum Beispiel der Bahnhof Bellevue auf der Stadtbahn. Hier würden wir dann vorschlagen, dass abwechselnd je ein Zug pro Richtung am nicht blockierten Bahnsteig hält, das geht aber nur durch eine Taktausdünnung. Welche Linien dann fahren und welche Züge abgestellt werden sollen, das entscheidet die Transportleitung.

Tobias Mertens: Bei dieser Teamarbeit sind Personaldisponenten, Fahrzeugdisponenten und Mobilitätskoordinator gefragt, um die bestmögliche Lösung zu finden. Wir brauchen dann einen Plan, der unter den gegebenen Bedingungen umsetzbar ist und sich auch wieder stabil auflösen lässt, um den Takt wiederherzustellen.

Auch ein kurzer Einsatz kann also große Auswirkungen haben?

Thomas Elk: Wenn es an einer Stelle hakt, muss meist auch an anderen Punkten nachgesteuert werden. Um eine Verspätung wieder aufzuholen, muss der Zug mindestens einmal bis zu seiner Endstation gefahren sein. Hier kann man über verkürzte Wendezeiten etwas gutmachen. Wenn das nicht ausreicht, kommen wir manchmal um zusätzliche Ausfälle – der Zug wendet auf einem vorgelegenen Bahnhof – nicht herum.

Gespräch: Nina Dennert
 

Störfallszenario: Gut vorbereitet für  den Ernstfall

Je komplexer ein Verkehrssystem ist, desto standardisierter sollte ein Störfallmanagement sein. Um mit Notarzt-Einsätzen und anderen Störfällen besser umgehen zu können, hat die S-Bahn Berlin etliche Standardlösungen erarbeitet.
 
Für alle drei Systeme – Stadtbahn, Nord-Süd-Strecke und Ring – wurden Störungsbilder entworfen. Je nachdem,
wo im Netz der Störfall eintritt, wird dann eine Kennung ausgerufen – und alle Beteiligten wissen, was zu tun ist. Für
viele Fälle können die vorbereiteten Pläne angewendet werden. Für andere ist weiterhin Flexibilität gefragt.
 
Im Gegensatz zu anderen Verkehrsunternehmen, die sich solche Konzepte von Fremdfirmen einkaufen, hat die S-Bahn Berlin diese Leistung im eigenen Haus erbracht. Eine Gruppe von engagierten Mitarbeitern aus den verschiedenen beteiligten Bereichen hat sich zusammengesetzt und das Standardwerk geschaffen. Die Reaktionsfähigkeit bei Störfällen konnte dadurch verbessert werden und die Züge fahren schneller wieder pünktlich.
 
Derzeit wird an Erweiterungen für das Störfallkonzept gearbeitet, die Ausgabe der Unterlagen an Triebfahrzeugführer und Aufsichten ist in Vorbereitung.