Auch wenn in diesen Wochen vieles stillsteht – die Tests der neuen S-Bahnbaureihe laufen weiter. Damit sie pünktlich am 1. Januar 2021 in Betrieb gehen kann, arbeiten alle Verantwortlichen unter erschwerten Bedingungen und unter Berücksich­tigung zahlreicher Vorsichtsmaß­nahmen intensiv weiter. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Inbetriebnahme konnte erreicht werden. Vom 27. bis 30. März wurden die beiden Viertelzüge 483 004 und 483 005 einem ganz besonderen Test unterzogen: ein mehr als 50-stündiger Dauerlauf ohne Pause, um der Neuen in puncto Zuverlässigkeit auf den Zahn zu fühlen.

„Ich drehe schon seit Stunden hier so meine Runden“ – diese Textzeile von Herbert Grönemeyer traf auch auf die neue S-Bahn zu, die von Freitagabend 21.45 Uhr bis Montagfrüh gegen 3.45 Uhr ununterbrochen auf dem S-Bahnring fuhr – ­bestaunt von Fahrgästen entlang der Strecke. Sie legte ganze 50 Runden und insgesamt 1.850 Kilometer zurück – (fast) ohne zu schwächeln. Ein Softwarefehler hat den Zug einmal für einige Minuten ausgebremst, die Ursache dafür war jedoch schnell gefunden und wird behoben. In jedem Falle kann dennoch festgestellt werden: Die neue Baureihe ist fit für die Zukunft.

„Die Fahrten sind wichtig, um die Zuverlässigkeit der Züge zu prüfen, aber auch um mögliche Probleme im Vorfeld zu lösen. Nur für die einmal täglich durchzuführenden Bremsproben durfte der Zug jeweils aussetzen“, erklärt Jürgen Strippel, Leiter Fahrzeugmanagement. Außerdem gilt es, die Trieb­fahr­zeugführer (Tf) der S-Bahn Berlin für die neue Baureihe startklar zu machen – und dazu gehören auch diverse Tage „hinter dem Steuer“. „Zurzeit sind schon 45 Lokführer für die neuen Züge geschult und dürfen sie bereits fahren“, erklärt Tf und Trainer Andre Kohlrusch.

Ein Tf der ersten Stunde ist René Röther. Seit September führt er Testfahrten durch. Auch am Test­wochenende sitzt er im Führerstand und dreht bereits die zehnte Runde auf dem Ring. Auf die Frage, wie sich „die Neue“ denn fährt, antwortet er mit einem breiten Grinsen: „Ehrlich gesagt, ich bin begeistert! Der Zug ist wahnsinnig leise, liegt auf der Schiene wie ein Brett und bremst sehr gut. In der ganzen Zeit hatten wir keinerlei Ausfälle, sondern die neue Baureihe ist vom System her sehr stabil.“

Um die letzten „Kinderkrank­heiten“ zu beseitigen, sind Steve Appelt und Konstantin Vogt von der Firma Stadler auf der Testfahrt dabei. Letzterer erklärt: „Wir begleiten den Zug und greifen bei Fehlern sofort ein, wenn eine Tür nicht aufgeht, die Außenkamera nicht läuft oder die Klimaanlage in einem Bereich nicht anspringt.“ Dafür seien teilweise geringfügige Software­anpassungen nötig, um die kleinen Fehler zu beheben. In der Woche zuvor wurde bereits das gesamte Streckennetz zur Erprobung der Spaltminderung an den Türen direkt hinter den Führerständen befahren. Die Spalt­minderung soll bei den Bahn­steigen automatisch unterschiedlich weit ausfahren, um den Fahrgästen das Einsteigen ohne Lücke zu ermöglichen. „Diese Informa­tionen müssen in der Software für jeden Bahnhof hinterlegt werden, damit es dann im Fahrbetrieb automatisch klappt“, sagt Strippel.

Die Wochenendtestfahrten gelten als Vortest für den eigentlichen Dauertest. Dieser startet am 6. Mai. Dann werden zwei Fahrzeuge insgesamt 60.000 Kilometer zurücklegen, das erste Fahrzeug 40.000 Kilometer und das zweite 20.000 Kilometer. | cf

 

„Die Fahrten sind wichtig, um die Zuverlässigkeit der Züge zu prüfen, aber auch um mögliche Probleme im Vorfeld zu lösen.“

Jürgen Strippel,
Leiter Fahrzeugmanagement

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