Kundenbetreuung | 2017/23 - 06. Dezember, S. 9


Ein bisschen mehr Würde


Einsatz der Einzelfallhelfer wird durch die S-Bahn Berlin um ein Jahr verlängert


Obdachlose, die sich S-Bahnen zum Lebensmittelpunkt wählen, sind häufig eine Belastung für andere Fahrgäste. Selbst wenn diese guten Willens sind und verstehen, dass es für die Betroffenen gerade in der kalten Jahreszeit schwer ist, einen warmen Aufenthaltsort zu finden. Und viele der Fahrgäste beschweren sich bei der S-Bahn Berlin.

„Wir müssen im  Interesse unserer Fahrgäste Obdachlose, die eine Geruchsbelästigung darstellen, konsequent aus unseren Zügen holen. Im Gegenzug wollen wir ihnen mit zwei Einzelfallhelfern die sprichwörtliche ‚helfende Hand‘ anbieten“, S-Bahn-Chef Peter Buchner.

„Mir ist es wichtig, dass wir zusammen mit der Bahnhofsmission dieses Angebot machen können. Und weil es so erfolgreich angelaufen ist, haben wir es um ein Jahr verlängert. Aber nicht nur wir als Unternehmen können helfen, jeder kann das. Auch ich habe schon in der Bahnhofsmission mitgemacht, und ich kann es nur empfehlen, denn wenn mal einmal vor Ort war, sieht man anders auf dieses Thema.“

Obdachlosigkeit

Lilja (Name geändert) aus Lettland lebt auf der Straße.
Fotos (2): Sven Kaulin

Gesagt, getan: Zeit für einen Vor-Ort-Besuch, um den Einzelfallhelfern über die Schultern zu schauen. Schon in der Nähe des Bahnhofs sitzen mehrere Obdachlose, unter ihnen Lilja. Sie hat es aus Valmiera, einer lettischen Kreisstadt, nach Berlin verschlagen. Ihren zwei kleinen Kindern wollte sie eine gute Zukunft bieten und hier studieren. Die beiden mitgereisten Freunde hatten finanzielle Schwierigkeiten. Lilja half ihnen aus, bis sie selbst in Geldnot geriet.

Sie wirkt gebildet, für ihre Umstände gepflegt, aber auch hoffnungslos. Hoffnung gibt es knappe 100 Meter weiter durch Wilhelm Nadolny und Sascha Sträßer. Beide arbeiten seit einem knappen Jahr im Auftrag der S-Bahn Berlin als Einzelfallhelfer.

Einzelfallhilfe

Wilhelm Nadolny (links) und Sascha Sträßer an ihrem Einsatzort im Bahnhof.

„Es ist eine schöne Arbeit, auch wenn wir unsere Klienten nicht immer bis an das gewünschte Ziel führen können. Manchmal ist es ein kleiner Erfolg, wenn ein Klient wieder seiner Körperpflege nachgeht, manchmal erleben wir große Erfolge, wenn wir beispielsweise eine Eingliederung in ein Wohnheim hinbekommen”,  erklärt Sträßer.

Die Arbeit ist sehr breit gefächert, vom gemeinsamen Gang mit Klienten zu Ämtern bis hin zu regelmäßigen Besuchen alter und neuer Klienten an den Bahnhöfen und in den Zügen. Eines ist immer Teil der Arbeit: das Zureden, dass die Klienten doch die helfende Hand annehmen können. „Unsere Hilfsangebote werden von den Obdachlosen nicht immer sofort akzeptiert. Mittlerweile kennt man uns aber in der Szene, das macht es einfacher. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen, die auf der Straße leben, meist sehr krank sind – ob körperlich oder seelisch. Wir drängen uns nicht auf, suchen aber immer wieder den Kontakt“, fügt Nadolny hinzu.

Schon am Eingang der Berliner Stadtmission ist spürbar, dass ständig Hilfe vonnöten ist. Die Menschen haben Durst, Hunger, brauchen Kleidung, möchten duschen oder benötigen medizinische Versorgung. Die Abläufe der Mitarbeiter sind beruhigend und gezielt.

„Den Menschen, die in Not geraten sind,  ein bisschen mehr Würde zugestehen, hilft enorm. Und mit offenen Augen auf seine Mitmenschen schauen und im Bedarfsfall Hilfe holen – egal, ob man den Kältebus, die Feuerwehr oder Polizei ruft“,
sagt Nadolny. Eine kleine Spende tut nicht weh und kann das Überleben der obdachlosen Menschen sichern“, ergänzt Sträßer. Dann eilen beide weiter, denn es gibt viel zu tun.

Sie müssen Wasser ausgeben, mehrere Wunden versorgen und irgendwer hat ihnen von Lilja erzählt, die draußen sitzt, nur wenige Schritte entfernt.

Sven Kaulin

Wer helfen möchte, kann dies auf vielen Wegen tun:

Ob ehrenamtlich, durch Sach- oder Geldspenden.

Bei Sachspenden empfiehlt es sich, die Institution zu fragen, ob und was benötigt wird, da die Lager der Hilfseinrichtungen unterschiedlich gefüllt sind.

www.berliner-stadtmission.de/bahnhofsmission

Kältebus: 0178 523 58 38

Bitte die Betroffenen zuerst ansprechen, ob sie Hilfe benötigen und wollen.